Feuer und Flamme. Siehe auch Seiten 8 und 18. Foto: Plakat 2015, Barbara Fehlmann

Vielfältige Berufungen mitten im Leben

In seiner Botschaft zum Weltgebetstag für kirchliche Berufe wendet sich der Papst gegen ein lebensfeindliches Verständnis geistlicher Berufungen. Ähnlich sieht es auch Thomas Leist, Leiter der Fachstelle «Information Kirchliche Berufe». «Wir alle sind getauft, gerufen, gesandt», schreibt er.


Von Thomas Leist


Von einem Bischof aus dem Amazonasgebiet wird berichtet, dass er bei einem Ad-Limina- Besuch in Rom gefragt wurde, wann er das letzte Mal gebeichtet habe. Der Bischof antwortete, das sei so ungefähr vor einem Jahr gewesen. Der Papst war entsetzt. Er fragte, wieso es so lange her sei, da antwortete der Bischof, es seien mehrere hundert Kilometer zum nächsten Amtsbruder, er müsse dahin fliegen und für lässliche Sünden sei ihm die Reise zu teuer und für Todsünden zu gefährlich.

Sosehr diese Anekdote zum Schmunzeln anregt, so ernsthaft ist ihr Hintergrund. Im katholikenreichsten Land, Brasilien, ist ein Priester für zirka 6000 Menschen zuständig. Im Vergleich dazu sind es in der Schweiz gerade einmal zirka 1300 Menschen. Lange Wege zu gottesdienstlichen Versammlungen sind in Brasilien ebenso üblich wie andere Gottesdienstformen und Gottesdienstvorsteherschaften. Die Lage in Afrika oder Indien sieht nicht besser aus. Da erstaunt es, wenn wir zur Abwendung unseres «Priestermangels» Priester in den Dienst nehmen, in deren Heimat der Priestermangel eindeutig grösser ist als bei uns.

Würde dies aus rein materiellen Gründen geschehen, quasi allein zur Finanzierung der Heimatkirchen, so wäre der Vorwurf des Imperialismus der europäischen Kirchen kaum zurückzuweisen. Aber es geschieht aus der partnerschaftlichen Erwägung des Geben und Nehmens in einer weltkirchlichen Gemeinschaft. Dabei wäre es wünschenswert, wenn wir auch das Nehmen und in allererster Linie das Wahrnehmen nicht verlieren würden. Wie bereichernd könnte es sein, wenn schon im Studium die Freisemester dazu genutzt würden, in andere Kirchen unserer Weltkirche hineinzuschauen und Ideen mitzubringen? So sehr Rom ein häufiges und geschätztes Ziel für Auslandssemester sein mag, so wenig sind aus der Kirche Roms neue Impulse für unsere Pastoral zu erwarten. Wie wäre es, wenn unsere zukünftigen Seelsorgerinnen und Seelsorger Erfahrungen von Indien, Afrika oder Brasilien im Herzen trügen?

Wir feiern den Weltgebetstag für kirchliche Berufe. Und ich möchte einladen, ihn einmal als wirklichen «WELTgebetstag» wahrzunehmen. Das Motto lautet «getauft – gerufen – gesandt ». Wir alle sind getauft, gerufen, gesandt. Das heisst aber einmal mehr, dass die Berufung und Sendung des Einzelnen auch in der Gemeinschaft Widerhall finden muss, nicht etwa, um einen scheinbaren Mangel auszugleichen, der so gar nicht existiert, sondern eine gemeinsame Sendung zu verwirklichen, die nicht an sogenannten Hauptamtlichen hängen kann. Dies wäre der erste Schritt für eine Berufungspastoral, die Berufung nicht zu sortieren und kategorisieren versucht, sondern die heute darum betet, Berufungen in ihrer Vielfalt zu erkennen und wahrzunehmen und geeignete Formen zu finden, unsere Kirche so zu strukturieren, dass alle Berufungen ineinandergreifen und miteinander gemeinsam das Ziel verwirklichen, zu dem wir gerufen sind.

Thomas Leist ist Leiter der «Fachstelle Information Kirchliche Berufe» (IKB) in Luzern. Die Fachstelle arbeitet im Auftrag der Ordensgemeinschaften, der Missionsinstitute und der Bistümer in der deutschsprachigen Schweiz. Infos, Impulse und die päpstliche Botschaft gibt es hier: www.kirchliche-berufe.ch

22. April 2015