Ostern kann kommen. Foto: John Dow / photocase.de

Vor Gott gibt es keine halbe Menschen

Was bedeutet eigentlich Auferstehung? Was ist die Botschaft des Osterfestes? Josef Imbach* und seine Gedanken zum Osterfest.


In seiner Kurzgeschichte «Die Essenholer» berichtet Heinrich Böll von vier Soldaten, die einen gefallenen Kameraden, von dem nur noch der halbe Körper übriggeblieben ist, in einer Zeltplane forttragen. Dabei werden alle von einer Granate getötet.
Im Augenblick des Todes durchzuckt es den Anführer: «Da wusste ich, dass ich an einem anderen Ziel war und wahrheitsgemäss vier und einen halben würde melden müssen, und als ich lächelnd vor mich hinsagte: viereinhalb, da sprach eine grosse und liebevolle Stimme: Fünf!» Gott hat da geflüstert. Denn vor ihm gibt es keine Halb-Menschen, so beschädigt ihr Leben auch sein mag.

Wir alle haben eine ganz persönliche Geschichte. Es ist ein Gewebe aus Enttäuschungen und Niederlagen, aus Sorgen und Siegen, aus Lust und Leiden. Geschichte – damit verbinden wir das Gestrige und das Vorgestrige und damit das Vergangene, das wir nicht wieder hereinholen können in unsere Gegenwart und in unsere Zeit. Wenn wir die Sache aber genau bedenken, gibt es in unserer Geschichte wohl eine Vergänglichkeit, aber eigentlich gar keine Vergangenheit. Denn unsere früheren Erfahrungen und Erinnerungen wirken sich aus auf unser gegenwärtiges Denken und Trachten – und damit auf unsere Zukunft. Alles, was wir wahrnehmen, bewusst oder unbewusst, prägt uns und wird so zu einem Teil unseres Ich.
Wir haben also nicht bloss eine Geschichte; vielmehr sind wir in gewisser Weise unsere Geschichte. Und ohne diese einzigartige Geschichte wären wir nicht mehr wir selbst. Auferstehung bedeutet, dass wir unsere Geschichte im Tod nicht einfach abstreifen und sie hinter uns zurücklassen. Wenn dem so wäre, würden wir ja uns selbst verlieren. Der russische Dichter Jewgenij Aleksandrowitsch Jewtuschenko hat das in wunderbaren Versen so ausgedrückt:

«Jeder hat seine eigene, geheime, persönliche Welt. […]
Wenn ein Mensch stirbt,dann stirbt mit ihm sein erster Schnee
und sein erster Kuss und sein erster Kampf
…all das nimmt er mit sich.»

Alles nimmt er mit sich. Denn im Tod gehen wir nicht fort, ohne irgendwo anzukommen. Keine Träne wurde vergebens geweint und auch das leiseste Lächeln wird nicht verloren sein. Auferstehung besagt, dass nicht das Nichts, sondern dass Gott uns erwartet. Erst in dieser Begegnung kommt unsere Geschichte zur Erfüllung. Die Hoffnung auf Auferstehung besagt: Gott wird das Gute sichtbar machen, das Angefangene vollenden und das Zerbrochene ganz machen.

* Josef Imbach ist Theologe und Autor. Er ist auch in der Erwachsenenbildung tätig.

 

 

12. April 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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