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Weihrauch, der

Die Begriffe «Katholizismus» oder «Kirche» wecken unweigerlich Assoziationen – gute oder schlechte. Beim ersten Überlegen sind das sicher kognitive, meinen Glauben oder die Erfahrungen mit Kirche betreffend. Bei reiflichem Überlegen allerdings fiel mir kürzlich auf, dass mein Gehirn auch zahlreiche sensorische Assoziationen mit der Kirche verbindet. Glockengeläut, Gesang, Kerzenlicht – und der spezifische Geruch, den man nur in Kirchen erschnüffelt. Eine Komponente davon: Weihrauch.

Weihrauch ist heutzutage fast ausschliesslich kirchlich konnotiert. Das war nicht immer so – zwar wurde er durchaus kultisch verwendet, nicht aber zwingend religiös. Die alten Ägypter brauchten Weihrauch beim Einbalsamieren von Mumien, und schon die Israeliten verbrannten Weihrauch oder dessen Vorgänger, Ketoret, bei Festen im Tempel. Einen richtigen Boom erlebte der Weihrauch allerdings unter den römischen Kaisern. Denen wurde beim Einzug in eine Versammlung oder eine Stadt als Ehrbezeugung Weihrauch vorangetragen, zudem wurde vor ihren Ikonen Weihrauch verbrannt – dieser ersetzte kostspielige und aufwendige Schlachtopfer.

Diese Vergötterung des Kaisers lehnten die frühen Christen natürlich vehement ab. Das änderte sich allerdings plötzlich mit der Anerkennung des Christentums als Staatsreligion. Auf einmal war die Kirche politischer Akteur, und damit freundete man sich sehr schnell mit weltlichen Statussymbolen wie dem Weihrauch an. Die konstantinische Wende brachte nicht nur Religionsfreiheit, sondern auch die Kirche in die Position der herrschenden Gewalt, gegen die sie sich vorher gestellt hatte. Wenn in Rom, halte es wie die Römer, dachte sich der Klerus. Prompt wurden kaiserliche-römische Traditionen in die Liturgie übernommen – beispielsweise die Kerzen- und Weihrauchträger, die beim Einzug dem Priester vorausgehen. Die religiös-weihende Funktion des Weihrauchs kam erst viel später wieder hinzu. Wenn sie also das nächste Mal den Priester durch Weihrauchschwaden hindurch einziehen sehen – denken Sie an die römischen Kaiser.

Sebastian Schafer

«Katholisch kompakt» im Überblick

 

 

7. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 17
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