«Ein Zeichen für eine Welt ohne Vergewaltigung.» Die südafrikanische Pastorin Phumzile Mabizela. Foto: Karl Johannes Rechsteiner

«Wir brauchen mehr Barmherzigkeit»

Ein ugandischer Pfarrer gründete vor gut zehn Jahren ein Netzwerk Aids betroffener Seelsorgerinnen und Seelsorger, das sich gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung einsetzt. «Ensemble» traf die südafrikanische Leiterin von INERELA+ in Bern.


Der Tag ist sonnig, farbig, bunt. Auch die südafrikanische Pastorin Phumzile Mabizela wirkt lebensfreudig – doch die schwarze Frau trägt heute ganz schwarz. Ein Ansteckknopf proklamiert «Thursdays in black». Jeden Donnerstag trage sie dunkle Kleidung: «Ein Zeichen für eine Welt ohne Vergewaltigung.»
Die Bewegung werde vom Oekumenischen Rat der Kirchen mitgetragen:«Als Symbol der Solidarität mit Opfern von Geschlechtergewalt. Und für den Mut und die Kraft, gegen Gewalt einzustehen.»

Phumzile Mabizela erläutert ihre Anliegen sanft aber energisch. Ihr Leben lang engagiert sie sich schon für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung: «Ich wuchs in einem Township mitten in der Apartheid auf – ich hatte keine Wahl.»
Jetzt traf sie bei einer Tagung der Aids-Hilfe in Bern auch Leute aus Migrationskirchen und von der OeME.

Die Presbyterianerin studierte einst Theologie in KwaZulu-Natal und wirkte in ihrer südafrikanischen Heimat bei Frauenprojekten mit. Sie leitete den Kirchenrat in ihrer Provinz, bei dem auch die katholische Kirche mitmacht. Kurz war sie für die norwegische Entwicklungsagentur tätig und daneben «natürlich auch» Familienfrau und Mutter.
Später stieg sie als Witwe, Reverend und HIV-Betroffene bei INERELA+ ein, der internationalen Organisation religiöser Führungsleute, die von HIV persönlich betroffen sind: als Laien oder Ordinierte, Frauen und Männer. Die Leiterin des Netzwerks machte sich international einen Namen als profilierte Stimme zu Aids in den Kirchen. Der Slogan von INERELA+ könnte ihr eigener sein: «Positive Faith in Action» – ihr Glauben soll als positive Kraft wirken.

«Aids ist oft kein grosses Thema mehr», stellt Phumzile Mabizela fest. Moderne Medikamente und jahrelange Prävention haben die gravierende Krankheit normal gemacht. «Doch HIV-Betroffene werden heute wieder stärker stigmatisiert», weiss die Pastorin aus eigener Erfahrung. Es brauche nicht nur Medikamente, sondern psychologische Unterstützung und spirituelle Begleitung.
Zudem fehlen in afrikanischen Gesellschaften heute ganze Generationen von Eltern, Grosseltern müssen Erziehungsaufgaben übernehmen – eine riesige Herausforderung für die Gesellschaft. Für Aids-Betroffene selber entstehen neue Probleme wie Krebserkrankungen oder Depressionen als Folge von Langzeitmedikation.

Phumzile Mabizela argumentiert als überzeugte Christin. Die Kirchen hätten in der heutigen Situation wichtige Aufgaben zu übernehmen:«Leider ist in vielen Glaubensgemeinschaften HIV kein Thema. Sexualität wird dämonisiert. Oft werden abstrakte Themen statt das tägliche Leben reflektiert.» Viele religiöse Führer seien Männer, die nicht gerne über Körper und Krankheiten reden und erst im letzten Moment einen Arzt aufsuchen.
«Themen wie Sexualität oder Kondome verdrängen sie.»Die Kirchen bräuchten aber offene Gespräche über Spiritualität und Sexualität in ihrer ganzen Komplexität. Hier seien die weiblichen Stimmen besonders wichtig.

In den Kirchen werde zu oft vom Himmel gesprochen, gibt die Leiterin von INERELA+ zu bedenken. Das helfe nicht, wenn jemand hungrig sei. «Wir brauchen Barmherzigkeit, damit wir Gottes Liebe im Alltag spüren. Jesus wollte, dass es den Menschen gut geht. Deshalb verstiess er sogar gegen geltendes Recht.»
Wenn Phumzile Mabizela predigt, ist HIV sowieso ein Thema, weil sie selbst betroffen ist. Sie hat auch eine erkrankte Schwester an Wunderheiler mit Heilwasser und Heilöl verloren. So gehören Aufklärung und Prävention zu ihrem Alltag nicht nur in Afrika.

Es gebe keine religiös moralische Überlegenheit, welche die Ausgrenzung von HIV-positiven oder anderen Benachteiligten in Kirchen und religiösen Gemeinschaften rechtfertige, predigt Reverend Mabizela. Gegen die Diskriminierung setzt sie die neue Lektüre biblischer Texte. Eine lebendige Theologie helfe mit, dass Kirchen Raum schaffen als geschützten Ort für betroffene Menschen, um sich mit oder ohne Aids als Gottes Geschöpfe zu begreifen.

Karl Johannes Rechsteiner

Links:
www.inerela.org
www.thursdaysinblack.co.za

14. Februar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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