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Wo bist du, Gott?

Der junge Mann mit lebenslänglicher schwerer Krankheitsgeschichte sitzt mir gegenüber im Rollstuhl. Er hat mir wütend erzählt und geklagt von seinem Leben voller Einschränkungen, Mühen, Schlägen und Krisen.

Die Mutter hat er schon lange verloren, ebenso kürzlich seine Partnerin – beide an Krebs. Jetzt muss ihm vielleicht auch noch das Bein amputiert werden. In der Seelsorge begegne ich vielen leidgeprüften Menschen. Oft staune ich, wie sie einen Umgang damit finden, wie sie ihrer Leidensgeschichte einen Sinn abgewinnen können oder sich bewundernswert auf das Positive konzentrieren, auf alles, was ihnen Kraft gibt. In der Seelsorge fördern wir dieses Ausschauhalten nach Ressourcen gerne.

Dieser junge Mann hat früh klargestellt: «Mit mir bitte nicht! Ich möchte einfach klagen dürfen. Es ist nicht in Ordnung, dass mich so vieles trifft, fertig!»

Er macht eine Pause, bläst den Zigarettenrauch nachdenklich gen Himmel und fragt: «Ja, lieber Gott, wo bist du denn? Wo bist du mit deiner Güte?» Mir ist aufgefallen, dass der junge Mann Gott direkt anspricht. Er fragt nicht, wie ich es manchmal auch erlebe, mich herausfordernd: «Herr Pfarrer, und wo bitteschön ist nun da Ihr Gott?» Er fragt Gott selber herausfordernd: «Wo bist du, Gott?» Es ist nicht ein Reden von oder über Gott, es ist ein Ringen mit Gott. (Und ich denke für mich: eine Ressource!) Und der junge Mann erzählt mir weiter, dass er zwar nicht mehr oder nur selten in die Kirche gehen möge, vieles sei ihm zu belanglos oder flach, was so gesagt würde, aber die Bibel, die bleibe ihm wichtig.

Nicht verwunderlich, eigentlich. Die Bibel ist voll von Menschen, die Gottes Zusagen ihm ins Angesicht einklagen, an seine Güte appellieren, kraftvoll, wütend … und so Gott ernst nehmen. Ich bin froh, dass wir das dürfen und können und sollen. Vor Gott zu klagen, ist kein lamentierendes Selbstmitleid, sondern wichtiger Protest. Die Klage des jungen Mannes soll nicht zum Verstummen gebracht werden.

Und ein Bild kommt mir in den Sinn, das mir im Studium begegnet ist und mich seither fasziniert und begleitet: eine Darstellung des auferweckten Gekreuzigten mit seinen Wundmalen und Spuren der Passion zur Rechten Gottes – die Wunden offen haltend, sie Gott zeigend – als Wunde in Gott selbst, einer Antwort harrend.

Pfr. Kaspar Junker, ref. Seelsorger

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21. August 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 18
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