Advent rund um die Welt

Je nach Land gibt es verschiedene Advents- und Weihnachtsbräuche. Wir haben nachgefragt – Menschen aus aller Welt erzählen, welche Bräuche aus ihrer Heimat sie als Kind besonders mochten, welche sie heute vermissen oder hier in der Schweiz weiterführen.

Interviews: Anouk Hiedl, Andrea Huwyler

Mario Renna, Sizilien

Geschenke vom Nikolaus oder zu Weihnachten kannten wir als Kinder auf Sizilien nicht. Die wurden von den Toten gebracht! So standen unsere Schuhe dafür schon in der Nacht von Allerheiligen zu Allerseelen vor der Tür... Krippen waren aber wie überall in Italien ganz wichtig. Die in Neapel sind zwar die prächtigsten, uns haben aber Tonfiguren genügt. Das Arrangieren und Ergänzen von Details ist genauso wichtig wie die Krippe selbst. Man wird dabei automatisch wieder zum Kind.
An Heiligabend haben wir Kinder vor der Kirche immer ein Feuer gemacht, um das Jesuskind zu wärmen, wenn es nach der Mitternachtsmesse feierlich aus der Kirche getragen wurde. Es durfte ihm nur nicht zu nahekommen, denn es war aus Wachs! Direkt in die Glut kamen die «Salsiccia», in nasses Zeitungspapier gewickelte Würste. Nach dem Garen trug man sie fürs Festessen nach Hause. In kleinen Kesseln wurden auch Glutreste mitgenommen, um darin schwarze Oliven zuzubereiten. Die fischte man aus der Asche und wischte sie vor dem Essen an den Hosen ab. Köstlich!

Jure Ljubic, Kroatien

Ich erinnere mich gut an Advent und Weihnachten von früher. Mit den geschenkten Mandarinen, Nüssen und Lebkuchen von Nikolaus waren wir Kinder sehr glücklich. Am 13. Dezember, an St. Lucia, säten wir Weihnachtsweizen in eine Schale. Dieser keimte und begleitete uns bis zum Dreikönigstag. An Heiligabend bereiteten unsere Grossmütter Weihnachtsspeisen zu. Mutter, Tante und Schwester bereiteten die Geschenke vor und dekorierten das Haus. Vater, Bruder und ich gingen frühmorgens in den Wald, um einen «Badnjak» zu finden. Diesen Baumstamm zündete Vater abends an. In «Badnjak» und «Badnji dan» (Heiligabend) klingt «bdjeti» (wach sein) mit: Wachend und fastend warteten wir auf das Kommen Jesu, schmückten den Weihnachtsbaum und richteten die Krippe her. Abends ging das ganze Dorf in die Kirche, die von vielen Kerzen erleuchtet war. Die Krippe gefiel mir sehr. Die grossen, farbigen Figuren waren so schön, und das wunderbare Christkind lächelte mich immer an. Am Weihnachtsmorgen lagen Geschenke unter dem Tannenbaum, ebenso die Schale mit dem spriessenden Weihnachtsweizen und Kerzen, die wir am «Badnjak» anzündeten. Abends hörten wir die Weihnachtsgeschichte, sangen und beteten. Heute mag sich manches verändert haben, doch das Wesentliche ist geblieben. Wir staunen, und aus der Krippe lächelt uns Jesus immer noch an. Entscheidend sind nicht viele Geschenke, sondern dass Gott uns seine Liebe auch durch, mit und in seinem Sohn zeigt.

Ignatius Okoli, Nigeria


Weihnachten wird in Nigeria weithin gefeiert. Gemeinschaft steht für uns im Mittelpunkt, auch für mich ist das Zusammensein der wichtigste Weihnachtsbrauch. Die Menschen, die in den Städten ansässig sind, kehren in der Weihnachtszeit oft in die Dörfer zurück, um mit ihren Familien zu feiern. Deshalb werden während dieser Zeit oft auch verschiedene andere Anlässe wie Hochzeiten und Jubiläen gefeiert oder Familien- und Gemeindetreffen veranstaltet.
Im Advent beginnen die Vorbereitungen: Man kauft Lebensmittel und Getränke sowie neue Kleidung und Schuhe ein und dekoriert das Haus. Das Fest selbst dauert vom 25. Dezember bis zur ersten Januarwoche. An Heiligabend gibt es in jeder Pfarrei Mitternachtsmessen, und am Weihnachtstag bereiten die Familien Reis auf verschiedene Arten zu. Ich freue mich immer sehr, am 26. oder 27. Dezember nach Nigeria zu reisen, um mitzufeiern.

Denise Gilgen-dos Santos, Brasilien



Im Advent erneuere ich meine Gefühle, lasse das Negative mit Gebeten zurück und versuche, mehr Zeit für meine Familie und Freunde zu haben. Es ist eine Zeit der Vorfreude, an Weihnachten zusammen zu sein. In dieser Zeit stellt sich bei mir nebst der Freude immer auch Wehmut ein, die ich immer noch nicht erklären kann. Früher fragten meine Brüder und ich unsere Mutter unaufhörlich, wann sie mit der Dekoration des Weihnachtsbaumes beginnen würde.
Ich dachte an die Geschenke, die neuen Kleider, die wir an Heiligabend tragen würden, und an das Abendessen mit meiner Familie. An Heiligabend, vor dem Schlafengehen, stellten wir unsere Schuhe ans Fussende des Betts oder vor die Schlafzimmertür. Am Weihnachtsmorgen gingen wir dann als Erstes dorthin, zum Geschenk des Weihnachtsmanns («Papai Noel»). Heute hat alles eine andere Bedeutung erhalten, und ich freue mich sehr, die Geburt Jesu mit meiner Familie zu feiern.

Elizabeth Rosario Rivas, Dominikanische Republik

 Bei uns ist Weihnachten wie eine Jahreszeit! Bereits im Oktober sind überall künstliche Christbäume und Weihnachtsdekorationen zu sehen. Zu Hause haben wir ab Oktober dekoriert, das war eine riesige Freude. Für uns bedeutet Weihnachten, viel Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen – und vor allem viele Feste zu feiern! Tanzmusik spielt eine wichtige Rolle. Zu meinen Lieblingstraditionen ge-hören die selbstgebauten Holzstände, die überall in den Strassen zu sehen sind und wo Früchte, Süssigkeiten und Weihnachtsspezialitäten verkauft werden. Für uns sind Äpfel, Trauben, Nüsse, Rosinen und Fruchtgummis Weihnachtsfrüchte. Ein Korb mit diesen Köstlichkeiten ist bei jedem Fest dabei, insbesondere an Heiligabend. Wir «wichteln» auch, bei uns heisst dieser Brauch «Angelitos», übersetzt «kleine Engel».

Nhora Boller, Kolumbien

In Kolumbien gibt es keine besinnliche Adventszeit, je lauter und bunter der Hausschmuck, desto besser! Ich vermisse den «Día de las Velitas» am 7. Dezember, den Tag der Kerzen. Abends stellten wir Kerzen auf die Balkone, vor die Fenster und Hauseingänge, damit Maria den Weg zu uns finde. Strassen und Plätze wurden in warmes Kerzenlicht gehüllt, ein zauberhafter Anblick! Jede Kerze war ein Gebet. Am dritten Advent platzierten wir zu Hause die Krippenfiguren, alle halfen mit. Der Weg des heiligen Paars war mit Holzmehl ausgelegt, und jeden Tag durfte ich, als Jüngste der Familie, Maria und Josef etwas näher zum Stall rücken.
Oft bin ich vor der Krippe gesessen und habe die Figuren bestaunt. Auch heute ist es mir wichtig, zu Hause vor der Krippe zu beten. Am 16. Dezember beginnt bei uns die «Novena de Navidad». Neun Tage lang stimmen wir uns auf Weihnachten ein, beten und singen Weihnachtslieder vor der Krippe, von Rasseln und Tamburin begleitet. Familien und Nachbar*innen kommen zusammen, wir bewundern nachts die schön beleuchteten Häuser und Strassen und geniessen regionale Dezembergerichte. Heute beten und singen wir an Heiligabend. Als Kind spielte ich mit den Nachbarskindern und passte gut auf, dass die neuen Kleider und Schuhe ja nicht schmutzig wurden!

Seelan Arockiam, Sri Lanka

Christ*innen in Sri Lanka ist Weihnachten sehr wichtig. Anfang Dezember beginnen die grossen Vorbereitungen. Die Kinder bereiten ein Krippenspiel vor, der Kirchenchor übt Weihnachtslieder ein, und alle machen sich für ein fröhliches Fest bereit. Die Häuser werden farbenfroh dekoriert, und die Krippe wird jedes Jahr neu gemacht. Ein kleiner Baum wird dekoriert, darunter kommen die Krippenfiguren hin – das Jesuskind bringt Frieden ins Haus. Man kauft neue Kleider und Geschenke für die Kinder, stellt viele Süssigkeiten her und verschickt Weihnachtskarten an Verwandte und Freund*innen.
Nach dem Gottesdienst an Heiligabend singen Kinder- und Erwachsenenchöre. Der Weihnachtsmann verteilt kleine Geschenke und besucht mit den Jugendlichen jedes dekorierte Haus. Dort überbringt er die frohe Botschaft «Jesus ist geboren, Friede sei mit Euch». Geldspenden lässt er einem ausgesuchten Projekt zugutekommen, etwa einem Waisenhaus. Danach feiert man zu Hause mit der Familie, tauscht Geschenke aus und verteilt Süssigkeiten. Am 25. Dezember besucht man wieder den Gottesdienst. Zum Weihnachtsessen sind Verwandte, Freund*innen und Bekannte eingeladen. Dieser besondere Tag gibt Gelegenheit, sich zu versöhnen und den Weihnachtsfrieden in die Gemeinde zu tragen.

Delfina Jane Dris, Malaysia

Bei uns lädt man um Weihnachten Familie, Freund*innen und Nachbar*innen zu einem Festessen mit lokalen Spezialitäten ein. Dieser Brauch des «offenen Hauses» (Rumah Terbuka) ist so fest verankert, dass die Regierung «offene Häuser» anbietet, die auch Tourist*innen besuchen können. Zu manchen kommen Tausende Menschen. Die vielen Nationalitäten, Religionen, Sprachen und Kulturen in unserem Land ergänzen und stärken die Tradition, Nachbar*innen warmherzig bei sich willkommen zu heissen. Die Geburt Jesu erinnert mich daran, meine Tür für andere zu öffnen, so wie er es im bescheidenen Stall auch für die drei Könige getan hat. Als Kind machten mir das Wohlwollen und die Freude der Menschen in diesen Tagen einen bleibenden Eindruck, und ich hätte am liebsten jeden Tag Weihnachten gefeiert.
Nach dem Festmahl mit Truthahn und/oder Poulet und der Mitternachtsmesse an Heiligabend öffnen wir die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Das «offene Haus» findet meist am 25. oder 26. Dezember statt. Im Advent kann ich still werden – was in der Geschäftigkeit und Ablenkung des Alltags nicht einfach ist –, und in die Gnade der Geburt Christi eintauchen. In einer Zeit, die mit kommerzialisierter Weihnacht verführt, schätze ich die tiefere Bedeutung dieses Fests. Mit einer Miniversion des «offenen Hauses» hoffe ich, diese Tradition aus meiner Heimat diesmal in der Schweiz aufleben zu lassen.