Maria: menschlich, lebensnah, wach
Albrecht Dürer: Maria auf der Mondsichel, Blatt 1 der Folge «Das Marienleben», Titelholzschnitt (1511). Foto: Graphische Sammlung ETH Zürich. DOI: 10.16903/ethz-grs-D_011667.

Das «Marienleben» des Kartäusers Philipp von Seitz ist eine der meistüberlieferten Versdichtungen des deutschsprachigen Mittelalters. Die neuhochdeutsche Übersetzung des Berner Germanisten Eduard Glauser lässt Maria als eigenständig handelnden und fragenden Menschen neu aufleben.

Interview: Anouk Hiedl

Im «Marienleben» des Kartäusers Philipp von Seitz aus dem 14. Jahrhundert liegt der Fokus auf Marias Leben und Alltag, in dem sie auch Glaubensinhalte hinterfragt. Was ist Ihnen besonders aufgefallen?

Eduard Glauser: Maria lebt ein Gott zugewandtes Leben. Dies zeigt sich bereits in ihrer Kindheit bei ihren Eltern Joachim und Anna, bei ihrem Tempelgang und ihrer Zeit als Tempeljungfrau. Bemerkenswert ist ihr achtsames Hinhören. Sie hört hin, was ihr der Engel Gabriel bei der Verkündigung sagt, sie nimmt es auf, allerdings nicht ohne kritisch nachzufragen. Was sie dann in freier Entscheidung annimmt, setzt sie um, zieht es durch, erfährt Freuden und Schmerzen und führt ein Leben, das beeindruckt und überzeugt, so dass sie in apostolischer Zeit zum Mittelpunkt der sich erweiternden Christenheit wird.

Philipps «Marienleben» zeichnet sie als wache Persönlichkeit. So weiss sie sich mit beachtlicher rhetorischer Verve gegen das priesterliche Ansinnen einer Heirat zur Wehr zu setzen. Nachdem Jesus sie auf seinen heilsgeschichtlichen Auftrag hinweist, stellt sie ihm eine Reihe kluge kritische Verständnisfragen (siehe unten) zur Inkarnation, zu seiner Existenz als Mensch und Gott und schliesslich zur Trinität.

Maria wirkt menschennah: Durch sie und mit ihr erleben wir beim Lesen das neutestamentliche Heils- und Inkarnationsgeschehen ganz aus der Nähe, ohne die sonst übliche sakrale Distanz – das finde ich bemerkenswert.

Welche Bedeutung hatte dieses Epos im 14. Jahrhundert, und welche hat es heute?

Philipps «Marienleben» entstand zu einer Zeit einer neuen, gefühls- und gemütsbedingten, volksnahen Frömmigkeit, die Maria ins Zentrum stellt. Die mittelalterliche Bedeutung des Texts liegt darin, dass es in volksnahem Deutsch eine kohärente Gesamtsicht von Marias Leben gibt – mit geschickt eingebauten apokryphen Elementen, die über die Bibeltexte hinausgehen. Die theologisch-lehrhafte Seriosität ist selbst dort gegeben, wo legendenhafte Elemente und szenische Dialoge belebend und unterhaltsam auflockern. Die Darstellung Josefs ist aus heutiger Sicht eine echte Innovation. Er steht nicht wie so oft etwas melancholisch abseits und ist bloss Nährvater Jesu, sondern handelt als umsichtig beschützender, treu sorgender Familienvater, dessen Verdienste Maria nach seinem Tod in einem berührenden Nachruf würdigt. 

Wie ist dieses «Marienleben» entstanden?

Philipp benutzte als hauptsächliche Quelle die vor 1250 entstandene «Vita beatae virginis Mariae et salvatoris rhythmica» eines süddeutschen anonymen Autors. Dieses Werk versucht, das gesamte damals umlaufende Wissen über das Leben Marias zu erfassen und bietet seinen umfassenden Inhalt chronologisch dar. Allerdings präsentiert es sich als wenig strukturierte Aneinanderreihung von z. T. kleinen Episoden unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Charakters, es fehlt ihm an Geschlossenheit und gedanklicher Durchdringung.

Die eigentliche Bedeutung dieser «Vita rhythmica» liegt vor allem in ihrer Nachwirkung auf die verschiedenartigen volkssprachlichen Bearbeitungen diverser Autoren, die sie alle als Materialquelle benutzten. Das erfolgreichste Werk dieser Art ist das «Marienleben» des Kartäusers Philipp von Seitz. Ihm gelang es nämlich, das überreiche Material zu sondieren, eine geschlossene Handlungsstruktur aufzubauen und so eine intertextuell beziehungsreiche Erzählung zu verfassen. Maria wirkt darin als Jungfrau, Gottesmutter und Himmelskönigin im Heilsplan mit, ist aber vor allem für die Menschen in ihren existentiellen Nöten vertraute, gnadenreiche Helferin.

Warum haben Sie ausgerechnet dieses 10’133 Verszeilen lange «Marienleben» übersetzt?

Weil ich es für ein beachtliches, flüssig erzähltes Werk mittelalterlicher religiöser Erzählliteratur halte! Philipp von Seitz gelingt es, die disparat tradierten Berichte und Erzählungen seiner vorwiegend lateinischen Quellen mit entsprechenden redaktionellen Übergängen, mit Vor-und Rückblenden aufeinander abzustimmen und so einen geschlossenen Handlungsablauf und einen fortlaufend kohärenten Erzähltext herzustellen.

Beeindruckend und spannend ist es, einen kontinuierlichen Gesamtüberblick über Marias Leben in seinem heilsgeschichtlichen Kontext zu erhalten, von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod und ihrer Himmelfahrt. Erzählstrategisch geschickt eingebaut sind viele konkret-lebendig gestaltete Passagen mit köstlichen Episoden aus der Kindheit Jesu, zudem Stellen, die dialogisch aufgebaut sind, und solche, die emotional zu berühren vermögen. Ich habe zeilengenau übersetzt, um einen flüssig lesbaren neuhochdeutschen Text zu erstellen, der den mittelhochdeutschen Ausgangstext möglichst genau zu übertragen versucht.

Wie stehen Sie zu Maria?

Mein Bezug zu Maria läuft über die bildende Kunst. Ich bin stets wieder von Marienbildern oder -skulpturen fasziniert, die mir jeweils Anlass geben, mich erneut mit ihr zu befassen.

 

Eduard Glauser, 76, aufgewachsen in Schwarzenburg, studierte Germanistik und Latein in Bern und Kiel und war bis 2007 Gymnasiallehrer am Gymnasium Köniz-Lerbermatt. Die Sprache und Literatur des Mittelalters gehören zu seinen Schwerpunkten. Er lebt mit seiner Frau in Bern.
Eduard Glauser (Hg.): Das Marienleben des Kartäusers Philipp von Seitz. Aus dem Mittelhochdeutschen zeilengetreu übersetzt und kommentiert, Schwabe, 2020.

«Marienleben»: Originaltext - Mittelhochdeutsch - Neuhochdeutsche Übersetzung (Verse 5082-5113)

Philipp der Kartäuser: Marienleben, deutsches Fragment, ca. 14. Jh. Foto: Burgerbibliothek Bern, Cod. 756-94a, f. 4r.

Als Maria diu maget reine
was bi ir sun alleine
süeze rede si ane vie,
5085 der ich ein teil wil sagn hie.
maniger vrage si begunde
mit ir sun, die er kunde
si bescheiden alle wol,
wand aller wisheit was er vol.
5090 si sprach: «ich pit dich herre sun,

daz du kunt mir wellest tuon
des ich dich nu will fragen,
des enlaz dich niht betragen.»

Jesus sprach: «du muoter min,
5095 wes ouch gert daz herze din
daz laz vrouwe wizen mich,
des bescheid ich allez dich.»
Maria sprach: «vil lieber herre,
ein vrage la dir niht wesen swaere

5100 wand ich weiz wol daz du bist
got schepher alles des da ist
in dem himel und uf der erden:
wie geschah daz du do werden
woldest min kint, und wa du waere
5105 da vor, des gib mir die lere.»

Jesus sprach: «vrowe, wize daz,
daz ich bi minem vater was
ie und ie an anegenge
und ich nimmer ende gewinne.»
5110 Maria sprach: «so sage mir nu,
wa was din vater, wa waere du
da vor ê das himelrich
gemacht würd und daz ertrich?»

Als Maria, die keusche Jungfrau,
allein mit ihrem Sohn war,
begann sie ein inniges Gespräch,
wovon ich einen Teil hier mitteilen will:
Sie stellte ihrem Sohn verschiedene
Fragen, die er ihr alle
befriedigend beantworten konnte,
da er Weisheit in aller Fülle besass.
Sie sprach: «Ich bitte dich, mein Herr Sohn,
dass du mir mitteilen mögest,
was ich nun fragen werde,
und lass es dich bitte nicht verdriessen.»
Jesus sprach: «Meine liebe Mutter,
was auch dein Herz begehrt,
Frau, lass es mich wissen,
ich gebe dir über all dies Bescheid.»
Maria sprach: «Mein lieber Herr,
lass dir eine Frage nicht unangenehm sein,
zumal ich wohl weiss, dass du Gott und
Schöpfer alles dessen bist, was da
im Himmel und auf Erden existiert:
Wie ist es geschehen, dass du mein
Kind werden wolltest, und wo bist du
davor gewesen, darüber gib mir Auskunft.»
Jesus sprach: «Frau, wisse dies,
dass ich bei meinem Vater war,
stets und immer ohne Beginn,
und dass ich niemals ein Ende finde.»
Maria sprach: «Sage mir nun,
wo war dein Vater, wo warst du
vorher, bevor der Himmel
und die Erde geschaffen wurden?»