Möchte die Menschen dazu bringen, über den Tod nachzudenken: Regisseuring Sarah Elena Schwerzmann. Foto: Pia Neuenschwander

«08/15 – Der Tod als Alltag»

Ein Dokumentarfilm bricht Tabus

Im Dokumentarfilm «08/15 – Der Tod als Alltag» sprechen eine Polizistin, ein Rechtsmediziner und ein Tatortreiniger darüber, wie sie in ihrem beruflichen Alltag mit dem Tod umgehen. Nun geht der Film in einer Wanderinstallation auf Tour durch den Kanton Bern. Die Regisseurin Sarah Elena Schwerzmann ist für Gespräche stets mit vor Ort.

Interview: Anouk Hiedl

«pfarrblatt»: In unserer Gesellschaft ist der Tod oft ein Tabu. Warum haben Sie für Ihren Film genau dieses Thema gewählt?

Sarah Elena Schwerzmann: Mit 14 verlor ich meinen Vater, mit 10 und 18 zwei enge Freunde. Seither möchte ich die Menschen dazu bringen, über den Tod nachzudenken. Da dies oftmals schwierig ist, habe ich drei Menschen mit Berufen ausgewählt, die wir aus dem TV kennen und lieben. Diese Stellvertreterposition erleichtert den Zuschauenden den Zugang zum Thema. Mein Ziel ist es, offen, ehrlich und lebensbejahend über unsere Ängste und Hoffnungen zum Tod zu sprechen. Ihm bewusst zu begegnen, heisst das Leben zu ehren. Wir brauchen diesen Gegensatz, um den Wert des Lebens zu schätzen. Ich war stets vom Tod in unserem Alltag und in den Medien fasziniert und versuche zu ergründen, warum er in unserer Gesellschaft Tabu ist und gleichzeitig grossflächig als Unterhaltungsinstrument eingesetzt wird, z. B. in Serien wie «Tatort».

Bei jedem Klick auf die Filmwebseite sieht man eine andere Version. Warum?

Beim Schnitt des gedrehten Materials wurde mir bewusst, wie viele Geschichten sich darin verbergen und wie viel Einfluss ich da habe. Ich habe mich gefragt, ob es mir zusteht, ein Narrativ zu bestimmen. Das stand auch in den Vorgesprächen zum Dreh immer wieder zur Diskussion: Wie viel Kontrolle haben wir über das, was wir machen? Gibt es so etwas wie Schicksal? Daraus ist die Idee eines Algorithmus entstanden, der die verschiedenen Kapitel bzw. Aussagen willkürlich durcheinanderwirbelt, so dass immer eine neue Geschichte entsteht. Die ersten drei und die letzte Sequenz bleiben immer gleich und bilden den Bogen der jeweiligen Erzählung. Was dazwischen passiert, ist Zufall. Mit dem programmierten Algorithmus können gemäss der Uni Bern aus den 28 mittleren Sequenzen 25 997 760 Fassungen entstehen. So nimmt auch die Form des Films die Willkür von Leben und Tod auf und bringt etwas Spielerisches hinein.


Ihr Film ging vor einem Jahr, mitten in der Corona-Pandemie, online. Wen haben Sie damit erreicht?

Am Anfang bekam ich vor allem von meinem direkten Umfeld Feedbacks. Viele haben den Link verschickt. Nach ein paar Medienberichten wurde der Film auch in Deutschland, Frankreich, Italien, England, Island und den USA angeschaut, und es kamen Rückmeldungen aus Brasilien oder dem Sudan. Vielleicht hat die Pandemie dazu beigetragen, dass wir für einen lebensbejahenden Diskurs bereit sind und ihn sogar aktiv suchen. Es ist gut, ein Thema digital anzustossen. Der Austausch darüber muss aber analog, in direkten menschlichen Begegnungen, stattfinden.

Deshalb gehen Sie nun mit dem Film auf Tour.

Weltweit gab es viele, die mir schrieben, dass sie sich mit dem Thema allein fühlen und sie gerne mit jemandem darüber reden würden. Darum habe ich das Projekt zu einer Installation weiterentwickelt, konkret eine Holzkabine, in die man sich hineinsetzen und den Film schauen kann. Damit reise ich nun durch den Kanton Bern und zeige den Film bei Kulturinstitutionen und im öffentlichen Raum – da, wo die Leute im Alltag sind. Ich bin die ganze Zeit vor Ort, um mit den Menschen darüber zu sprechen.

Wie haben die Menschen bei Ihrem ersten Halt im Spiegel reagiert?

Alle, die den Film vor Ort angeschaut haben, wollten danach mit mir darüber reden! Ich war überrascht, wie offen die Leute waren und dass sie mir auch sehr Persönliches erzählten. Eine Frau kam drei Tage später nochmals zurück und sagte, sie habe nun eine Patientenverfügung unterschrieben. Das hat mich bewegt.

Wie haben Sie sich auf diese Begegnungen vorbereitet?

Ich achtete darauf, genug zu schlafen, gut zu essen und vorher einen Spaziergang zu machen, um die nötige Energie zu haben, den Menschen etwas mitgeben zu können. Mein Gegenüber geht oft leichter weg, Schweres bleibt mitunter bei mir. Diese Momente verlangen mir viel ab. Und doch ist es schön, so den Menschen viel Zeit und Energie zu schenken – das gibt auch mir Auftrieb.

Zum Film: «08/15 – Der Tod als Alltag»
 

Wanderausstellung «08/15 – Der Tod als Alltag»
Sa, 14. Mai:
Generationenhaus Bern, Ausstellung «Forever Young», Innenhof der Sommerbar
So, 15. Mai: Gurtenpark
Mo, 16. Mai: Hauptbahnhof Bern, neben der Heiliggeistkirche
Di, 17. Mai: Liebefeldpark, Köniz
Mi, 18. Mai: Schulwarte, Bern
Do, 19. Mai: Vidmarhallen, Liebefeld
Fr, 20. Mai: PROGR Bern, Innenhof
Sa, 21. Mai: Blue Factory, Neighbor Hub, Fribourg
So, 22. Mai: Wartsaal Café, Lorrainestrasse 15, Bern