©Fruitmarket/Langfilm/IIPM

Aufstehen – auferstehen

Aki-Kolumne von Geneva Moser

Die Meute ruft grausam und unerbittlich: «Tötet den Schwarzen!» Der Jesus-Darsteller Yvan Sagnet trägt ein grosses Holzkreuz auf den Hügel vor die Stadt, wo ihn der rassistische Mob tötet. Die letzten Bilder von Milo Raus Film «Das neue Evangelium» sind schwer auszuhalten. Am Schauplatz von Pier Paolo Pas­solinis und Mel Gibbsons Bibelverfilmungen, dem süditalienischen Matera, gibt sich Rau nicht damit zufrieden, die Geschichte von Jesus nachzuerzählen.

Er holt diese gekonnt in die Gegenwart: Vor den Toren der Küstenstadt leben Geflüchtete in Ghettos und werden als Landwirtschaftsarbeitende in der ­Tomaten- und Orangenernte ­ausgebeutet. Die meisten von ihnen haben eine Flucht über das Mittelmeer hinter sich, haben Freund:innen und Familien verloren, sind in den endlosen Schleifen der Bürokratie eines Asylverfahrens und in der Per­spektivlosigkeit gestrandet. Der Film zeigt – nebst biblischen Szenen – den wachsenden Widerstand dieser Geflüchteten gegen die Zwangsräumungen ihrer Wellblechhütten, gegen den anhaltenden Zustand der Papierlosigkeit für ihre Menschenwürde: Eine «Rivolta della Dignità» ruft der Kämpfer für Gerechtigkeit, Yvan Sagnet, im Film aus. Sagnet war selbst Erntehelfer, begann gegen die Ausbeutung zu kämpfen und war 2011 eine treibende Kraft beim ersten Streik, den die Feldarbeitenden organisierten. Eine moderne Jesusfigur also. Einer, der aufsteht, sich solidarisiert, Hoffnung und Perspektiven schafft.

Der Regisseur Milo Rau stellt programmatische Fragen über seinen Film: Wer oder was könnte Jesus heute sein? Was würde er sagen, mit wem würde er sich umgeben? Und vor allem: Wofür würde er eintreten und womöglich sogar sterben?

In Milo Raus Film «Das neue Evangelium» bleibt nach der brutalen Kreuzigung die öster­liche Auferstehung aus. Die ­rassistische Gewalt wird nicht beschönigt oder in ein kitschiges Heilsversprechen überführt. Aber der Hoffnungsträger und Jesus-Darsteller Yvan Sagnet nimmt die Zuschauenden im ­Abspann des Films mit in den Supermarkt und teilt seine Freude über «mafiafreie» Pellati in Dosen: Das Projekt ist Teil seines Engagements, seines «Aufstands» – oder seiner «Auferstehung». Die Bibel kennt für beides, Aufstand und Auferstehung, nur ein Wort.

Geneva Moser

Kolumnen aus dem aki im Überblick

Filmtipp:
«Das neue Evangelium» (2021) von Milo Rau
Weitere Informationen
Das aki zeigte den Film am 19. März in Kooperation mit der Offenen Kirche Bern im Rahmen seines Programmschwerpunkts «Gerechtigkeit».

Diese Website nutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung der Site stimmen Sie deren Verwendung zu und akzeptieren unsere Datenschutzrichtlinien.