«Lieben – trotz der Erfahrungen im Leben». Foto: Stefanie Priester.

Echte Schönheit spricht alle an

Inspiriert von der Philosophin Simone Weil

Überall auf der Welt sind Menschen von der Schönheit fasziniert. Die Theologin Stefanie Priester hat sich, von der Philosophin Simone Weil inspiriert, mit dem Thema Gotteswahrnehmung in Schönheit und Leid befasst. Im Interview versucht sie zu beantworten, was das Schöne ausmacht.

Interview: Daniela M. Meier, freie Journalistin

Von unseren Bildschirmen leuchten uns «schöne» Bilder entgegen: gestylte Menschen und spektakuläre Landschaften, imposante Bauwerke oder prächtige Tiere. Warum zieht das Schöne die Menschen überall auf der Welt gleichermassen in seinen Bann? Die französische Philosophin Simone Weil (1909-1943) notierte sich dazu: «In allem, was in uns das reine und echte Gefühl des Schönen hervorruft, liegt die reale Gegenwart Gottes».

Sie dachte dabei nicht nur an den Sternenhimmel oder den Gesang der Vögel, sondern auch an Kunstwerke. Simone Weils Texte über das Phänomen des Schönen sind bis heute eine Quelle der Inspiration. So hat Stefanie Priester-Völkl diese Gedanken für ihre Doktorarbeit aufgegriffen und sich gefragt, ob Schönheit im Dialog mit anderen Religionen Brücken bauen kann.

Mit ihrer Arbeit gewann sie 2015 den Dissertationspreis der Universität Luzern. Heute ist Dr. theol. Stefanie Priester Seelsorgerin, Religions- und Deutschlehrerin an der katholischen Marienschule in Offenbach/Deutschland.
 

«pfarrblatt»: Was ist der Unterschied zwischen der inszenierten Schönheit in Sozialen Medien und der Schönheit, wie sie Simone Weil damals verstand?

Stefanie Priester: Ich vermute, dass Simone Weil eine inszenierte Schönheit nicht als solche anerkannt hätte. Schönheit ist für sie reine Wirklichkeit, also: sinnlich wahrnehmbar, man kann sie nicht machen. Schönheit ist für sie immer echt, aber auch unergründlich, weil sie göttlichen Ursprungs ist. Die Welt ist wie «Gottes schöner Körper», deshalb bleibt Schönheit geheimnishaft für uns.

Auch in Sozialen Medien?

Ja, warum nicht? Das kann auch dort der Fall sein, wenn sie bei Menschen dieses reine und echte Gefühl der Schönheit erweckt, wie Simone Weil sagt; dann ist Gott wirklich gegenwärtig.

Sie erlebte viel Schmerz und Leid. Ist Simone Weil in die Schönheit geflüchtet?

Das ist tatsächlich auf den ersten Blick das Paradoxe an ihrer Person, aber auch das Faszinierende. Sie wollte – obwohl sie eine gebildete Philosophin war – das Schicksal der Arbeiter ihrer Zeit am eigenen Leib miterleben. Sie hat das Leben in der Fabrik mit ihnen geteilt, hat sich unermüdlich in der Politik für die Arbeiterklasse eingesetzt und verzichtete auf Annehmlichkeiten. Ausserdem litt sie unter massiven Kopfschmerzen, die sie ihr Leben lang begleiteten. Dennoch setzte sie sich immer wieder solidarisch für die Benachteiligten der damaligen Zeit ein. Da könnte man meinen, sie hat sogar das Leid gesucht.

Ebenso suchte sie das Schöne in der Welt.

Das meine ich mit paradox: Sie hatte diese starke Liebe zu den Schönheiten in der Welt – auch in der Literatur und Kunst. Erstaunlicherweise hat sie es geschafft, diese beiden extremen Pole als gleichwertige Weisen der Gottesgegenwart wahrzunehmen. Eine Flucht würde überhaupt nicht zu Simone Weils Charakter passen! Sie floh 1942 nur sehr ungern aus Frankreich in die Vereinigten Staaten – als Jüdin musste sie weg. Sie kehrte bald nach Europa zurück, um in London den französischen Widerstand zu unterstützen.

Sie verknüpfte die Schönheit auch mit der Liebe: «Liebe ist aus Liebe in Form von Schönheit auf diese Welt herabgestiegen. (...)» Damit meinte sie aber kaum das Gefühl verliebt zu sein, nicht wahr?

Ganz klar spricht Simon Weil von der Liebe Gottes, die sich in der Welt zeigt. Es gibt eine Stelle, in der sie Gott mit einer verliebten Frau vergleicht: eine sehr aufdringliche, nervige Frau, meine ich. Diese flüstert ihrem Geliebten in jedem Moment des Lebens zu: Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich... Also eine Liebesbekundung, die fast schon zu aufdringlich ist! Für sie ist Gottes Liebe in jeder Situation des Lebens allgegenwärtig – auch in Situationen, die zunächst nicht offenkundig liebevoll und gut sind. Auch dann flüstert Gott dieses «Ich liebe dich» in das Ohr der Menschen – sie wollen es vielleicht nicht hören oder es wirkt für sie eher unverständlich.

Sie meinte auch, dass das Schöne für alle da sei. Aber die Menschen müssten sich dafür öffnen. Und wie werden wir offen dafür?

Zunächst war es ihr wichtig, dass alle Menschen Zugang zu Schönheit bekommen und dafür hat sie sich selbst eingesetzt: Sie bot Abendkurse für Literatur und Poesie an. Sie sagte, dass dies ein natürliches Bedürfnis des Menschen sei, genauso wie das tägliche Brot; der Mensch habe ein Recht darauf. Simone Weil schreibt: «Zur Betrachtung gehört immer Liebe.» Mit einer liebenden Haltung kann ich wirklich in allen Dingen das Schöne wahrnehmen.

Diese Betrachtung der Dinge, erinnert mich an Achtsamkeitsübungen. Können wir üben, offen für Schönheit zu werden?

Ja, man muss es üben! Am Anfang muss man sich zu dieser Liebe immer wieder selbst motivieren und irgendwann wird sie – hoffentlich – zu einer inneren Haltung. So wie Simone Weil ihre eigenen Erfahrungen im Gebet beschreibt: Sie richtet sich innerlich, bewusst auf Gott aus. Damit beschreibt sie eine Art Meditationsübung.

Sie selbst haben in der Schönheit eine Brücke zu anderen Religionen gefunden. Im Islam zum Beispiel hat die Schönheit eine zentrale Bedeutung.

Ich finde tatsächlich, dass Muslime uns in der Verbindung der Schönheit mit Gott einiges voraushaben. Im Christentum liegt es uns traditionell näher, Gott als allmächtig, gütig, ewig, wahr zu umschreiben. Oder Gott ist der Eine: damit vereint er auch alle Schönheit in sich. Aber Gott als schön zu bezeichnen... Für Muslime ist das offensichtlich: Gott selbst ist schön und so auch seine Offenbarung im Koran. Beim Vorlesen klingen die Worte aus dem Koran so überwältigend schön, dass sie für Muslime offenkundig wahr sind. Das zeigt sich auch in der Schrift: die Koranverse werden kunstvoll gestaltet. Diese Kalligrafie ist schön, weil sie göttlichen Ursprungs ist. Dieses Geheimnishafte, Nicht-fassbare, Nicht-machbare, Nicht-beschreibbare verbindet uns über Religionen hinweg. Die Wahrnehmung von Schönheit ist eben zutiefst menschlich.

Simone Weil bietet an, Schönheit als Richtschnur für ethisches Handeln zu nehmen, wenn sie schreibt: «Man kann das Gute ohne den Weg über das Schöne nicht begreifen.»

Das Wort «begreifen» ist hier ganz wesentlich, weil das Gute zunächst abstrakt ist. Erst wenn man das Gute mit den Sinnen wahrnimmt, ist es be-greifbar. Damit ist Schönheit ein Türöffner zum Guten, weil sie den Menschen dazu aufruft, gerecht und wahr zu leben. Sie ist der Anstoss zu einer inneren Veränderung.

Sie haben sich sehr intensiv mit Texten über die Schönheit befasst. Hat sich Ihr Blick auf die Welt seither verändert?

Ja, es hat meinen Blick geschult. Ich musste erst lernen, die Schönheit der Welt wirklich zu sehen und zu geniessen. Dabei hat mir Simone Weil geholfen: Es geht nicht um Vergnügungen oder eine oberflächliche Freude, sondern es ist ein Weg der Begegnung mit Gott. Sie öffnete meinen Blick dafür, dass Gott auch in leidvollen Momenten des Lebens zu erkennen ist, genauso wie in den schönen. Dieses «Trotzdem» ist für meine eigene Gottesbeziehung ganz wichtig geworden. Also zu lieben trotz der Erfahrung im Leben, die vielleicht der Existenz Gottes widerspricht oder seine Existenz verdunkelt... und mich von der Schönheit beschenken zu lassen. Das innerlich vereinen zu können, da war sie mir eine Lehrmeisterin.

Simone Weil (1909-1943) wuchs in einer gutsituierten Arztfamilie auf, studierte Philosophie und engagierte sich für ein Leben in Würde und Freiheit. Sie unterrichtete Philosophie an einer Mädchenschule, veröffentlichte Essays und sozialpolitische Analysen, erkundete persönlich die Arbeitsbedingungen in einer Fabrik und zog 1936 als überzeugte Pazifistin in den Spanischen Bürgerkrieg. Dabei liess sie sich nicht von Parteien oder politischen Interessen vereinnahmen und eckte mit ihrem kritischen Aussenblick an.

Religion spielte für Simone Weil zunächst keine Rolle, so wenig wie das jüdische Erbe ihrer Familie. Erst mit 29 Jahren begann sie, sich mit religiösen Themen zu befassen und hatte in der Benediktinerabtei Solesmes ein mystisches Erlebnis. 1942 musste sie vor den Nationalsozialisten nach New York fliehen, kehrte aber nach London zurück, um sich dem französischen Widerstand anzuschliessen. Monate später starb sie an Tuberkulose und wurde in Ashford/Kent begraben.

 

Lesetipp: Stefanie Völkl: Gotteswahrnehmung in Schönheit und Leid. Freiburger Theologische Studien, Band 181. Freiburg i. Br. (Herder Verlag) 2016.


Zitate aus: Otto Betz (Hrsg.): Schönheit spricht zu allen Herzen. Das Simone-Weil-Lesebuch, Kösel-Verlag, München 2009.)

«Im Schönen – zum Beispiel das Meer, der Himmel – liegt etwas Unreduzierbares. Wie im körperlichen Schmerz. Dasselbe Unreduzierbare. Für den Verstand undurchdringlich.»

«Der Blick und das Warten, das ist die Haltung, die dem Schönen entspricht. Solange man denken, wollen, wünschen kann, erscheint das Schöne nicht.»

«(...) Durch die Liebe empfängt die Materie den Abdruck der göttlichen Weisheit und wird schön.»

«Jedes Mal, wenn man über das Schöne nachdenkt, wird man von einer Mauer aufgehalten. Alles, was darüber geschrieben worden ist, ist auf erbärmliche und offensichtliche Weise ungenügend, weil dieses Studium von Gott aus begonnen werden muss.»