Foto: Silvana Pasquier

Feministische Utopie: «Matrix» von Lauren Groff

Für Sie gelesen. Tipps aus der Buchhandlung voirol

Für Sie gelesen. Tipp aus der ökumenischen Buchhandlung voirol

Matrix – der Titel von Lauren Groffs Roman hat weder etwas mit Science-Fiction, Mathematik noch Logik zu tun, sondern bezieht sich auf den lateinischen Ursprung des Wortes: Matrix als die Gebärmutter oder auch das Muttertier.

«Im kalten feinen Märzregen» im Jahr 1158 blickt die siebzehnjährige Marie, soeben vom Königshof in Westminster verstossen, nach einem langen Ritt zum ersten Mal auf das heruntergekommene und verarmte Kloster, das sie, im Auftrag der Königin Leonore von Aquitanien, als Priorin aus der Misere retten soll. Ausgerechnet Marie, der Religion immer «leicht töricht» vorgekommen war: « […] denn warum sollte sie, die spürte, wie ihre Größe in ihrem Blut pulsierte, weniger wert sein, weil die erste Frau aus einer Rippe geformt worden war, eine Frucht gegessen und daraufhin den müssigen Garten Eden verlassen hatte?»

Lauren Groffs starke und widerspenstige Hauptfigur beruht auf der historischen Persönlichkeit Marie de France, deren Liebesdichtungen die Frauenfeindlichkeit ihrer Zeit anprangerten.

Ein historischer Roman ist Matrix jedoch nicht, viel eher lässt er sich als eine feministische Utopie beschreiben, die aus der Vergangenheit zu uns spricht.

Marie gibt sich zunächst widerwillig dem Klosterleben hin, folgt den ihr irrational erscheinenden Regeln und Pflichten, erträgt Kälte, Hunger und die ständige Präsenz von Zerfall und Tod, bis sie in ihre Aufgabe hinein- und, dank ihrer Intelligenz, ihrem Handlungswillen und ihren Führungsqualitäten, über sie hinauswächst. Sie revolutioniert das Klosterleben, indem sie eine neue Arbeitsethik einführt, nach der jede Nonne genau das macht, was sie am besten kann und nicht etwa das, was für sie das grösste Martyrium darstellt.

Marie ist gleichzeitig barmherzige Mutter und erbarmungslose Managerin. Eine Heilige ist sie aber keineswegs – sie macht Fehler, ist zuweilen herrisch, gar machtgierig. Wir folgen im Roman ihrer Stimme, ihrem Blick und ihren Visionen. Groff wählt eine Sprache, die genauso würdevoll ist wie die Hauptfigur selbst und uns abtauchen lässt ins mittelalterliche Klosterleben mit seinen Gerüchen und dem Gestank, den Wonnen und dem Elend, den Gesängen und der Todesstille.

Die Vision, die Lauren Groff in Matrix entwirft, spricht von der Kraft der Verstossenen und der Suche nach Schutz in einer bedrohlichen Welt – und ist damit sehr aktuell.

Selma Balsiger

Lauren Groff: Matrix. Claassen 2022. 320 S. Fr. 32.90