Innere Landschaft. Gordian Hanemann, Acryl auf Halbkarton.

Art brut - Mal dich frei!

Warum fasziniert diese Kunst?

Die Collection Jean Dubuffet in Lausanne beherbergt eine der bekanntesten Sammlungen von Kunst von Aussenseitern (Art brut) des letzten Jahrhunderts. Der Dokumentarfilm «Halleluja, der Herr ist verrückt» bezieht sich auf Adolf Wölfli und zeigt das Kunstschaffen in der Klinik Waldau.  Warum fasziniert diese Art von Kunst so sehr?

Von Sandro Fischli

Mein Bruder und ich durften 13-, 14jährig eine Kunstreise mit dem Vater nach Paris machen, keine Ahnung, was uns erwartete. Im Seitenflügel des Louvre war eine Ausstellung angeschrieben mit «Comics», mein Bruder und ich drängten sofort da rein. Vater rief uns zurück und wies auf den Eingang vis-à-vis: «Collection de l’art brut». Er sah unsere Enttäuschung und versprach, diese würden wir bald vergessen. Das war keine leere Versprechung, um uns zu beschwichtigen – schon vom ersten Moment an standen wir vor Bildern mit einem Staunen, das sich so bei keiner Comics-Zeichnung eingestellt hätte.

Der Besuch dieser Sammlung, die sich ständig erweitert, in Lausanne steht immer wieder auf meinem Programm. Jean Dubuffet, ein französischer Maler, initiierte diese Sammlung und schuf den Begriff der «Art brut», zu deutsch: rohe (im Sinne von unverfälschte) Kunst. Unverfälscht, weil sie nicht nach dem Kunstmarkt schielt. Aber inzwischen ist innerhalb des Kunstbetriebs auch das zu einer Marke und damit zu einem Marktwert geworden…

Neu erfundener Expressionismus

Gordian Hanemann malte leidenschaftlich gerne, er verstarb 2019. Seine Bilder sind in Alfredo Knuchels Dokumentarfilm «Halleluja! Der Herr ist verrückt» über die Waldau, ihre Kunst und ihre Förderung, zwar nicht zu sehen, er selber aber singend mit Gitarre auf einer Bank im Schneegestöber. (Das Wölfli-Zitat  des Filmtitels belässt offen, ob der Künstler mit dem verrückten Herrn sich selbst oder einen anderen Herrn gemeint hat. Und der Lobpreis belässt ebenso offen, ob da nicht eine ironische Selbstbewusstheit mitschwingt…)

Hanemann lehnte die Bezeichnung Art brut heftig ab, sie wies ihn auf seine Geisteskrankheit zurück, die er selber ablehnte und die ihn darauf fixiert und reduziert hätte! Er malte so gut wie gar keine inneren Bilder, sondern Landschaftsmotive nach einem amerikanischen TV-Kunstmaler, der seine Leinwandtricks anpries. Gordian Hanemann schuf daraus etwas ganz Neues, entschlackte diese Motive von jeglichem Kitsch – er erfand den Expressionismus ganz neu, frisch, unverfälscht. Die A1- oder A2 grossen, dick bestrichenen Halbkartonbögen verkaufte er nur, um sich neue Farbe besorgen zu können. Der Kunstbetrieb scherte ihn keinen Deut. Aber er freute sich, wenn seine Bilder gefielen.

Ein Künstler, der geisteskrank ist...

Auch Daniel Curty ist im erwähnten Dokumentarfilm zu sehen, auch er ist 2013 verstorben. Er zeichnete mehr als er malte: Muster, die er ausmalte, sie erinnern oft an Rockkonzertplakate aus San Francisco in den 60er Jahren, ein Teenager-Wölfli, der auch Worte einflocht in die Muster, englische Brocken (siehe Bild: Work/Church), ein Pausenplatzenglisch in einem Alter, wenn man entdeckt, dass diese Sprache mehr transportiert als nur das Wörterbuch. Curty sprach (oder schrieb) oft davon, wie seine Bilder von einem «Geistschmerz» diktiert seien, von dem er sich befreien müsse, wolle. Sehr oft muten seine Motive mit vielen kleinen, schwarz umrandeten farbigen «Kästchen» an wie bleiumrandete Farbfelder von Kirchenfenstern.
 

Kleine Porträts zweier Menschen, die ich persönlich kannte und deren Bilder ich sammelte, die unerwähnten Künstler*innen des Films kommen dort zu Worte und zeigen ihre Werke.

Viele kennen wohl das berühmte Zitat von Walter Morgenthaler über Wölfli – dieser sei kein Geisteskranker, der Kunst mache, sondern ein Künstler, der geisteskrank sei. Diese Umkehrung war eine buchstäbliche Revolution in der Wahrnehmung und bleibt bis heute und darüber hinaus gültig, und das nicht nur für Wölfli.
 

Das Leiden nicht unberücksichtigt lassen

Unsere Faszination für diese Kunst darf aber nicht zu einer Art «Heroisierung» führen, die das Leiden unberücksichtigt lässt – in diese Falle geriet ich selber. Der Dokumentarfilm umgeht das sehr schön und zeigt sozusagen einfach die «Produktionsbedingungen» solcher Kunst auf. Und deren Förderer, die sich womöglich weder über Geisteskrankheit, noch über Kunst viele Gedanken gemacht haben, sondern einfach spürten, da geschieht etwas Wichtiges, diesem Gespür Folge leisteten und damit Wesentliches bewirkten.

Otto Frick öffnete eine Kunstwerkstatt, aus der dann 2003 ein Verein hervorgegangen ist, der Ausstellungen organisiert, so diesen Sommer auf dem Berner Bahnhofplatz einen Werkzyklus junger Künstler*innen unter dem Titel «Der Wolf ist los», bezugnehmend auf den berühmten Vorfahren und aufzeigend, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende ist.

Jede Interpretation auf diesem Gebiet läuft Gefahr, Wesentliches zu verkennen – viel mehr noch, als in herkömmlicher «Kulturbetriebssprache». Ein renommierter Kunstbuchverlag veröffentlichte kürzlich ein Buch mit dem Titel «Jenseits aller Regeln» über diese Malerei. Wenn etwas nicht zutrifft, dann das! Die Bildsprache ist unverkennbar von inneren Strukturen diktiert, auch von Zwängen, von denen sich jemand befreien will. Jenseits der Regeln des Kunstbetriebs, das ja.

«Kuckucksnest – Die andere Zeitschrift der Psychiatrie-Erfahrenen»

Abseits des Kunstbetriebs bewegt sich auch das «Kuckucksnest – Die andere Zeitschrift der Psychiatrie-Erfahrenen», bestehend seit 1995 mit 4 Ausgaben jährlich – eine Bildergalerie, ein Literaturmagazin voller Überraschungen, unkommentiert, basisorientiert, ein «Fanzine», in dem alles möglich ist. Ganz ganz nah am Puls des Lebens, Leidens, Zweifelns, Klagens, Schimpfens, Hoffens. Hier kommt eine neue Generation zu Worte. Eines der besten Kunstmagazine des Landes – hier ein Beispiel in modernster Bildsprache, das an den amerikanischen abstrakten Expressionismus denken lässt.

Bei aller Wertschätzung für diese gestalterische Kraft ist es aber wichtig festzuhalten, dass es Formen des psychischen Leidens gibt, die keinen kreativen Ausdruck mehr ermöglichen. Oder starke Medikamente aufgrund zu grossen Leidens verhindern dies. Diesen Leidenden gilt genauso viel Beachtung.

 

 

 

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