Pilgern, sagt Marianne Lauener, sei auch eine Chance für die Kirche. Foto: Vera Rüttimann

Distanz erweitert den Horizont

Marianne Lauener ist professionelle Pilgerbegleiterin

Pilgern ist Marianne Laueners Lebenselixier. Seit 15 Jahren arbeitet die Frutigerin als professionelle Pilgerbegleiterin. Pilgern ist für sie nicht nur ein Lernort für sich selbst, sondern auch für die Kirche.

Von Vera Rüttimann

«Mond», «Merkur» und «Uranus»: So heissen einige der Stationen auf dem «Planetenweg», den Marianne Lauener an diesem Vormittag mit ihren Gästen geht. Auf diesem Wanderweg durchqueren sie unser Sonnensystem zu Fuss. Den Planetenweg, der von Visp nach Stalden führt, begeht Marianne Lauener im Rahmen der Tagung «Kirche für Gäste». Geladen ist sie dabei als Pilgerexpertin. Dazu ist die Frutigerin die richtige Person: Vor 15 Jahren liess sich die Protestantin zur zertifizierten Pilgerbegleiterin ausbilden.

Aufbruch ins Ungeahnte

Als wir bei der Station «Merkur» angelangen, spricht Marianne Lauener darüber, dass immer mehr Menschen pilgern. «Krieg, die Corona-Pandemie und persönliche Umbrüche – all das lässt Menschen zu neuen und unbekannten Ufern aufbrechen», sagt die 57-Jährige. Nach einer Pilgerweise, weiss sie, kommen die meisten innerlich gestärkt zurück.

Wir gelangen jetzt zur Station «Sonne». Hier sagt Marianne Lauener: «Die räumliche und die geistige Distanz, die ich beim Pilgern gewinne, hilft, dass man seine Gedanken sortieren kann. Man gewinnt eine Plattform, von der aus man sehen kann, was gewesen ist und freut sich auf das, was noch kommen könnte im Leben.»

Geh-Meditation

Die agile Frau, die mit ihrem Mann und ihren beiden erwachsenen Kindern in Frutigen BE lebt, ist selbst eine begeisterte Pilgerin. Sie spricht aus Erfahrung, wenn sie sagt: «Wenn wir gehen, dann kommen Körper und Geist in Bewegung.»

Vor allem das Gehen in der Stille sei wesentlich beim Pilgern. Manchmal gebe sie als Pilgerbegleiterin einen Impuls mit. «Nur schon der Satz aus einem Gedicht der deutschen Theologin Tina Willms: «Altes darf enden. Sanft. Neues kommt», löse bei den Leuten viel aus. Wenn man Satz gehend meditieren, gehe er in die tieferen Schichten des Bewusstseins über. Beim Pilgern werde zudem das Bewusstsein gestärkt: «Wir sind zusammen auf dem Weg und wir kommen gemeinsam an ein Ziel.»

Chance für die Kirche

Pilgern, sagt Marianne Lauener, sei auch eine Chance für die Kirche. Als 2017 der 600. Geburtstag von Bruder Klaus gefeiert wurde, pilgerten die christkatholische, die römisch-katholische und die reformierte Kirche von Flüeli Ranft nach Bern. «Das Wichtigste», betont sie, «war dieser Gemeinschaftssinn, der untereinander gestiftet wurde». Sie fügt an: «Es ist ein Unterschied, ob verschiedene Konfessionen über oder miteinander reden. Und ob man von einem gemeinsamen Weg nicht nur spricht, sondern ihn auch physisch zusammen begeht.»

Das Gleiche gilt für Lauener auch für Kirchgemeinden. Sie resümiert: «Das zusammen Unterwegs-Sein hat etwas essentiell Urchristliches.»

Chance für die Pilgerbegleitende

Alle zwei Jahre hilft die engagierte Protestantin, neue Pilgerbergleitende auszubilden. Viele Kirchgemeinden ermöglichen es ihrem Seelsorgepersonal und ihren Religionslehrer*nnen, einen Ausbildungslehrgang machen zu können. «Mit diesen Leuten kommt das Pilgern in die Kirchgemeinden», sagt Marianne Lauener.

Marianne Lauerner pilgert selbst gerne vor ihrer Haustüre. Als «ungehobenen Schatz» auf den Schweizer Pilgerwegen bezeichnet sie den Luzernerweg. Er führt durch das Luzerner Hinterland ins Emmental. «Von Huttwil über die Lueg nach Burgdorf und von da nach Bern gibt es immer wieder atemberaubende Ausblicke auf das Alpenpanorama», weiss sie. Die Distanz, die man vom Emmental aus zu den Schneebergen habe, helfe, den Horizont breiter werden zu lassen: Man sieht wesentlich mehr Berge, als wenn man ganz nah dran ist. Auch dies ist für sie eine tiefere Pilgerwegerkenntnis: «Distanz erweitert den Horizont und ermöglicht neue Perspektiven.»