«Nach dem Tod kehren wir zurück in die Liebe», glaubt die katholische Theologin Barbara Lehner. Sie hält eine Urne in der Hand. Bild: Sylvia Stam

Rituale, um den Tod zu begreifen

Grundwissen und praktische Anregungen von Barbara Lehner

 

Die katholische Theologin Barbara Lehner begleitet seit Jahren Trauernde und leitet Abschiedsfeiern auch für Kirchenferne. In ihrem neuen Buch vermittelt sie Grundwissen und praktische Anregungen für Trauerfeiern in oder ausserhalb von Kirchen.

Interview: Sylvia Stam
 

Sie bieten Trauerfeiern auch für Kirchenferne an, dennoch ist Ihr Buch voller biblischer Bezüge.

Barbara Lehner: Ja, die Bibel ist für mich eine wichtige Ressource, wenn auch nicht die einzige. Auch Kirchenfernen sage ich: In der biblischen Bibliothek finden sich klassische und tröstliche Texte, mit denen viele Menschen gelebt haben und die Weisheit in sich bergen. Das zeigt sich in Texten wie dem Hohelied der Liebe, dem Psalm 23 oder im Kohelet-Text «Alles hat seine Zeit».

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihren Trauerritualen und einer katholischen Trauerfeier?

Eine katholische Trauerfeier enthält Schritte, die mich für mein Modell inspirierten. Beide Formen würdigen das Leben und Leiden der verstorbenen Person, sie blicken über dieses individuelle Schicksal hinaus und fragen, was diese Biografie über das Leben und über uns selbst erzählt. Und beide Formen stärken die Trauernden wie die Verstorbenen auf ihrem Weg.

Die Angehörigen stehen spirituell oftmals an sehr verschiedenen Orten. Wie gehen Sie mit dieser Diversität um?

Ich höre genau hin und frage nach: Was gibt ihnen Trost? Wo, stellen sie sich vor, ist der geliebte Mensch jetzt? Welche Worte, Bilder verwenden sie für die letzte Wirklichkeit, die ihr Leben trägt?

Was für Antworten kommen da?

Es gibt Menschen, die wenig Bezug zur Kirche haben, denen ein «Vater unser» aber wichtig ist. Manchen sprechen von «Gott», aber sie möchten nicht, dass eine spezifisch christliche Terminologie gebraucht wird. Viele glauben, dass der oder die Verstorbene im Licht ist, an einem guten Ort.

Verwenden Sie selber den Begriff «Gott»?

Ich bin zurückhaltend damit, weil der Begriff «Gott» so festgelegt ist. Mystische Bilder sind kreativer und näher an Erfahrungen. Rose Ausländer sagt beispielsweise: «Mach wieder Wasser aus mir. Strömen will ich im Strom, ins Meer münden.» Mit «Gott» verbinden viele immer noch männliche Begriffe wie «Herr» oder «Vater». Für mich ist das Göttliche jedoch weder männlich noch weiblich.

Sie halten es für wichtig, dass der Tod klar als solcher benannt wird. Warum?

Das Benennen hilft zu begreifen, dass dieser Abschied für immer ist. Es gibt eine Tendenz, den Tod verbal zu meiden, indem man etwa sagt: «Er ist auf die letzte Reise gegangen» oder «Sie ist friedlich eingeschlafen». Als Angehörige wurde mir jedes Mal, wenn jemand mir kondolierte, bewusst: Dieser Tod ist kein böser Traum, er ist jetzt eine bittere Realität, mit der ich umgehen muss.

Auch der Körper soll beim Trauern angesprochen werden. Weshalb?

Der Körper führt uns ins Hier und Jetzt. Das ist bei Krisensituationen wichtig. Wenn Trauernde handeln können, sind sie aktiv: die Urne tragen, Rosenblätter streuen, damit Verstorbene gut gebettet sind oder das Grab zuschaufeln sind Zeichen der Zuwendung und helfen aus der Ohnmacht herauszukommen.

Sie setzen die Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft zentral in Trauerritualen ein.

Die Rituale aus dem katholischen Kontext, welche Menschen wirklich berühren, enthalten diese Elemente. Die Formel «Erde zu Erde, Staub zu Staub» erinnert uns daran, dass der Mensch aus der Erde geformt und mit göttlichem Atem belebt wurde, wie es im Buch Genesis heisst. Das Feuer ist zentral in der Osternacht, an Pfingsten. Das Wasser begegnet uns bei der Taufe, beim Weihwasser. Für atheistische Menschen bieten die vier Elementen eine Möglichkeit, dieses Ritual in einen grösseren Sinnzusammenhang von Wandel und Dasein zu stellen. Ich kann mir nicht vorstellen, eine Trauerfeier durchzuführen, ohne diesen grösseren Rahmen.

Welche Rolle spielt Musik?

Musik bildet Brücken. Sie schafft im Singen und Hören Gemeinschaft und Verbundenheit - unter den Anwesenden, aber auch mit dem Grösseren. Musik ist Schwingung, das Herz wird weich. Deshalb fliessen häufig die Tränen, wenn nach dem Lebenslauf Musik gespielt wird.

Sie plädieren für öffentliche Bestattungen statt «im engsten Familienkreis». Weshalb?

Kein Mensch gehört seinen Angehörigen allein. Ich finde es eine Anmassung, wenn die Familie das Gefühl hat, sie kann entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. All diese Menschen repräsentieren einen Teil des Lebens der verstorbenen Person, deren Tod sie zusammenruft. Das ist das Geschenk, das Verstorbene den Zurückgebliebenen hinterlassen.

Welche Vorstellung haben Sie selber von dem, was nach dem Tod geschieht?

Ich gehe heim, wir kehren zurück ins Licht und in die Liebe.

Erstpublikation im Pfarreiblatt Luzern

 

 

Für kirchliche und andere Bestattungen.

Barbara Lehner: Praxisbuch Trauer­feiern und Bestattungen. Trauernde verstehen, Abschieds­rituale gestalten. Patmos 2021 | ISBN: 978-3-8436-1284-5

 

Informationen zur Autorin unter lebensgrund.ch