Gruselige Symbole erinnern an unfassbare Teile des Lebens. Foto: Anna-Katharina Höpflinger

Von Halloween-Kürbissen und Sündenfall-Äpfeln

Religiöse Symbole in der Populärkultur

Wenn an Halloween Kürbisse vor der Tür platziert werden, wird vermehrt behauptet, das sei nur Kommerz. Die gruseligen Dekorationen können aber durchaus tiefsinniger sein, als sie auf den ersten Blick wirken.

von Anna-Katharina Höpflinger*

«Ich finde Halloween schrecklich.» Meine Freundin blickt mich ernst an. «All diese Schädel, Hexen und makabren Sachen. Muss das sein?» Ich antworte nicht. Ob es sein muss, weiss ich nicht. Aber dass diese spezifische Ästhetik im Oktober und November populär ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Auch ich lasse mich davon anstecken. Dieses Jahr haben mein Sohn und ich eine Vogelscheuche für unseren Vorgarten geplant. Vor drei Jahren wählten wir ein aus einem alten Laken selbst gebasteltes Gespenst. Von der Strasse aus sah man sein Tuch im Wind flattern. Die Vorbeigehenden fanden es «gruselig».

Doch woher wissen wir, wie Geister aussehen? Normalerweise begegnen einem diese ja nicht auf der Strasse. Die Antwort ist einfach – aus Filmen und Serien, aus Büchern und von Bildern, kurz aus der Populärkultur.

Populärkultur vermittelt religiöses Wissen

Unsere Vorstellung, wie die Welt ist und zu sein hat, wird von der Populärkultur mitgeprägt. Was als «schön» gilt oder was grad «in» ist, erfahren wir beispielsweise beim Surfen im Internet. Auch unser religiöses Wissen rührt nicht nur von heiligen Schriften und religiösen Ritualen her, sondern auch vom Umgang mit Filmen, Büchern oder sozialen Medien. So erkennen wir einen Apfel mit einer Schlange auf einem Werbeplakat sofort als eine Referenz auf Adam, Eva und den sogenannten Sündenfall – und das, obwohl der Apfel in der biblischen Geschichte des Garten Edens gar nicht vorkommt. Dieses Motiv ist so prominent, weil es in der Populärkultur früher und heute immer wieder gezeigt und damit verbreitet wurde und wird.

Der Teufel als Filmstar

Religiöse Symbole sind in der Populärkultur weit verbreitet. In Werbungen tauchen Engel auf, in Musikvideos beschäftigen sich Stars mit religiösen Figuren, in Filmen retten transzendente Held:innen die Welt. Ebenso verhält es sich mit «bösen», antagonistischen Symbolen oder Figuren. So tritt etwa der Teufel in Comics, Filmen oder Serien als Hauptcharakter auf. Oder Horrorfilme machen uns das Böse in allen möglichen Varianten schmackhaft – man denke an finstere Jenseitswelten, an Geister oder Dämonen.


Mit solchen auf religiöse Traditionen verweisenden Motiven werden in der Populärkultur Werte und Normen vermittelt: Wir lernen beim Gruseln, was falsches und richtiges Handeln ist, was als das Gute und was als das Böse gilt, wo moralische Grenzen gezogen werden oder was ein ideales Leben ausmacht. Die Populärkultur zeigt uns somit Leitlinien im Umgang mit der Welt und ihren verschiedenen Bereichen. Hierhin würde ich nun auch heutige Halloween-Praktiken zählen. Denn sie eignen sich nicht nur die populärkulturellen Motive an, sondern auch die damit zusammenhängenden Werte.

Spielerische Grenzerfahrungen

Auch wenn die heute populären Formen von Halloween nicht mehr direkt Rituale im Kontext von Allerheiligen nahelegen, nimmt dieses Fest sehr wohl religiöse Gedanken auf. Denn die gruseligen Symbole in der Populärkultur ermöglichen einen spielerischen Umgang mit Grenzen: Grenzen unserer Emotionen, Grenzen zwischen Erfahrbarem und Unfassbarem, Leben und Tod, Menschsein und Transzendenz. Und manchmal durchaus auch Grenzen des guten Geschmacks.

Insofern könnte ich meiner Freundin antworten, dass all das nicht sein muss, aber dass diese gruseligen Symbole uns mit einer gewissen Leichtigkeit an einen Teil des Lebens erinnern, der nicht in unserer Macht steht: eben den des Unfassbaren – und das ist durchaus religiös.

 

* PD Dr. Anna-Katharina Höpflinger hat in Zürich Religionswissenschaft studiert und dort auch promoviert. Seit 2016 forscht und lehrt sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Kleidung und Religion, Heavy Metal und Religion, Religion und Visualität sowie Religion und Gender.