Foto: Luis Galvez, unsplash.com

Wenn Agnostiker*innen beten

Eingehen auf Klagen und Fragen von Agnostiker*innen

Sie bezeichnete sich als Agnostikerin, die Gott gesucht, aber nicht gefunden hat: «Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich ertrage nicht mehr mitanzusehen, wie das Leben an mir vorbeiläuft.» Sie habe den Glauben daran verloren, dass es für sie noch Hoffnung gebe. Ihre letzte Hoffnung sei gewesen, dass ihr Gott zu Hilfe komme. Aber sie wisse gar nicht, was das sei, «Gott».

Die Patientin muss aufgrund ihrer fortgeschrittenen rheumatischen Erkrankung fast durchwegs liegen. Sie findet keine Kraft und leidet bei immer wiederkehrenden Schüben unter starken Schmerzen. Diese können zwar mit Medikamenten eingedämmt werden, gehen aber regelmässig zu Lasten ihrer Lust am Denken.

Wie könnte nun der Seelsorger auf die Klagen und die darin enthaltenden Fragen der Patientin eingehen? Mit dem Hinweis auf die jüdische Tradition, die den heiligen Gottesnamen nicht nennt und gerade dadurch ehrt?

Anhand der Offenbarung aus dem brennenden Dornbusch an Mose mit der kryptischen Aussage «Ich bin, der ich da bin» (Ex 3,14)? Oder durch die Offenbarung an Elia, der zuvor erschöpft und deprimiert unter dem Ginsterstrauch liegt? Irgendwie möchte der Seelsorger der Agnostikerin etwas von der Unverfügbarkeit und Andersartigkeit Gottes vermitteln. Aber die Patientin war nicht scharf auf theologische Spekulationen. «Ich weiss nicht, wie ich Fühlung mit diesem Gott aufnehmen könnte – alles bleibt am Intellekt hängen. Ich hab’ kein Gebet und kein Klagelied, so wie die Muslime.» Sie habe bis anhin nie etwas gespürt von einem Gott. Wenn es Gott gäbe, wüsste sie nicht einmal, wie sie zu diesem Gott beten könnte. Die Patientin wollte in ihrem Leiden gesehen und in ihrem Zwiespalt verstanden werden. Sie suchte nach einer Wegzehrung in ihrer Wüste, nach «Brot und Wasser» auf dem langen und zermürbenden Weg, den ihr ihre Krankheit zumutet. Und sie suchte nach Worten mit einem Klang, der Resonanz ermöglicht. Sie wollte «Fühlung» aufnehmen können – und nicht allein in ihrem intellektuellen Hunger gestillt werden.

Das folgende Gebet von Antje S. Naegeli hat die Agnostikerin dankbar entgegengenommen:

Ich weiss nicht, wie dein Geist zu
mir kommen soll, wenn die Schwermut alle Türen mit
eisernen Riegeln verschliesst.
Ich weiss nicht, wie ich dir
vertrauen soll,
wenn du nicht selbst mich dazu bereit
und fähig machst. Ich weiss nicht, wie ich dich wahr-
nehmen soll, wenn meine Augen von Tränen
blind sind.
Ich weiss nicht, wie ich deine Stimme
hören soll,
wenn in meinen Ohren die Schreie der
Verzweifelten dröhnen.
Ich weiss nicht, wie ich dich
lieben soll,
wenn ich dein Nahesein nicht
erfahre. Einst kamst du zu den Deinen durch
verschlossene Türen.
Komm auch zu mir.

Thomas Wild, ref. Co-Leiter Seelsorge Inselspital

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick