Tod als Teil des Lebens. Die Bräuche rund um den mexikanischen Dia de los Muertos wurden von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit ernannt.

Wenn Tote zu Besuch kommen

Mexikanischer Tag der Toten im Haus der Religionen

Der «Dia de los Muertos» ist ein wichtiger mexikanischer Feiertag. Zu diesem Tag der Toten luden die Organisatoren ins Haus der Religionen zu einer Podiumsdiskussion. Fünf Menschen mit verschiedenen religiösen Sichtweisen legten ihre Beziehung zum Jenseits offen.


Von Christina Burghagen


Ein Skelett im Barbiekleid trägt auf dem hohläugigen Schädel einen Schlapphut und steht prominent auf dem Altar voller Chrysanthemen und Tagetes, den Flor de Muertos. Kerzen, Obst und Porträts von Verstorbenen ergänzen das Bild eines fröhlichen Totenfests, das hiesige Gemüter irritiert. Emsiges Wuseln herrscht in der Küche im Haus der Religionen am Berner Europaplatz. Zahllose kleine und grosse Gäste mit neugierigen Augen strömen in den Saal. Sie wollen wissen, wie man das macht: Mit Verblichenen feiern.

Der Tag der Toten ist in Mexiko kein trauriges Fest, sondern ein farbenprächtiges Spektakel zu Ehren der Verstorbenen. Nach dem Volksglauben kehren die Seelen nach der Erntezeit an diesem Tag zu den Familien zurück. Das liebevolle Gedenken steht im Vordergrund. Die Straßen werden mit Blumen geschmückt, Symbole des Todes und der Vergänglichkeit, wie Skelette und Schädel aus Zucker, Schokolade oder Marzipan sind am «Dia de los Muertos» allgegenwärtig.

«Kehre einen Tag vor deinem Tod um», heisst es in den ‚Sprüchen der Väter’ des Talmud. Will sagen: Denke jeden Tag, es könnte dein letzter sein, da du nicht weisst, ob du morgen noch lebst. Mit diesem Satz am Morgen aufzustehen, kann so manche Entscheidung erleichtern. Eigentlich wäre es einfach, sein Leben zu verdichten, anstatt es vor dem Computer, mit falschen Freunden oder zweifelhaften Aktivitäten zu verjubeln. In der westlichen Welt verhalten sich viele Menschen, als ob sie ewig leben würden, und der Tod eine zu ignorierende, unangenehme Tatsache sei. Doch ganz so einfach macht es sich nicht jeder. Das verdeutlicht die Podiumsdiskussion am Dia de los Muertos im Haus der Religionen. Souverän und mit feinem Händchen moderiert Journalist Yves Schott den lebhaften Austausch auf dem Podium mit:

  • Ruth Thomas, Religionswissenschaftlerin und Atheistin
  • Siva Keerthy, Verein Hindutempel Saivanerikoodam, Mitglied im Vorstand Haus der Religionen
  • Dorothea Isa Murri, Pfarrerin Friedenskirche Bern
  • Petra Eichenberger, kreatives Medium
  • Yong Mei Wu, Buddhistin, Inhaberin Wushu-Zentrum Bern

«Ist es eigentlich als Pfarrerin leichter mit dem Tod umzugehen?», will der Moderator von der Christin wissen. «Das kommt darauf an, wie dieser Gott aussieht», gibt Murri nach kurzem Zögern zu bedenken. Sie erlebe nicht selten, dass Sterbende Angst hätten, ihr Glaube sei nicht stark genug gewesen, was sie im Jenseits vielleicht büssen müssen. Sie selbst wünscht sich, mit hundert Jahren beim Geschlechtsakt zu sterben. Hindu Keerthy liefert sein Bild von Gott als unendliche Kraft, die jede Form annehmen könne. «Wir glauben an Karma und Kreislauf – das ist ähnlich wie Cumuluspunkte», erklärt er humorig.

Ruth Thomas versichert als Nichtgläubige, dass ihr die irdischen Tatsachen vollauf reichen: «Anderen zu helfen ist meine Kraftquelle.» Den Tod sehe sie als letzte Herausforderung des Lebens an. Medium Petra Eichenberger weiss von einer grossen Energie, die sie fühlt. «Das Leben ist wie ein Sprachaufenthalt. Danach gehen wir zurück in die Parallelwelt.» Die Hinkehr zum Buddhismus vollzog sich bei Yong Mei Wu nach dem Unfalltod ihres Gatten: «Ich habe seinen Tod akzeptiert.» Sie spüre eine unsichtbare Welt und vertraue einer Energieverbindung. «Er ist noch bei mir», sagt die Witwe mit Nachdruck. Als Kind habe sie Kampfsport betrieben, der in ihr eine Stärke aufgebaut habe. «Ich weiss, dass ich stark sein muss, damit mein Mann sich beruhigen kann.»

Doch nicht nur die einzelnen Standpunkte kommen an der Diskussion auf den Tisch. Viel mehr beeindruckt, dass letztendlich die Menschen unterschiedlicher Glaubensansätze wunderbar einen Konsens entwickeln. Moderator Schott fragt das kreative Medium Petra Eichenberger, wie er ihr glauben soll, dass sie tatsächlich Verbindungen mit Toten herstellen kann. Sie erklärt: «Wenn ich einen Namen zwei Wochen lang verinnerliche, kommt es zu einem Termin mit den Angehörigen. Ich arbeite seriös.» Schon als Kind habe sie die Verstorbenen gesehen, wie sie uns zuschauen wie Publikum. Was die Pfarrerin dazu sage, will Schott wissen. «Ich glaube, dass das möglich ist!» sagt diese. Sie sei bei Petra Eichenberger gewesen, um ihrem verstorbenen Vater zu helfen Frieden zu finden. «Der Tod hat nicht das letzte Wort.» fügt sie hinzu.

Siva Keerthy gibt Einblick in den Shivaismus: «Du musst nichts glauben, wenn du es nicht spürst.» Denn alles, was es gebe, sind Wahrnehmungen. Es müsse für den Betroffenen stimmen, dies sei wichtig. «Ich glaube nicht mehr ohne viele Fragen zu haben», sagt der Hindu, «und ein Rezept brauche ich nicht.» Atheistin Ruth Thomas erklärt, sie habe hier unten genug zutun, das diesseits sei anstrengend genug. Die Welt sei schreiend ungerecht, deshalb leiste sie viel Freiwilligenarbeit. «Ich kann vieles nicht, ich weiss vieles nicht, und es geht mir gut damit!» Pfarrerin Murri gratuliert ihr zu dieser Haltung und bemerkt, dass Gott die Grösse hat nicht beleidigt zu sein. Ein Herr aus dem Publikum fragt in Richtung Siva Keerthy, was er tun könne. Denn sein Karma-Konto sei mickrig und schief. Heiteres Gelächter erfüllt den Saal. Der Angesprochene sagt schmunzelnd, er habe ja noch Zeit Cumuluspunkte sammeln.

Eine berührende Erzählung aus dem Publikum kommt von einer Dame, die ihren Mann verlor, der Journalist war. Sie habe an der Abdankung eine Rede halten wollen und war sich nicht sicher, ob sie das schaffe. Kurz davor hörte sie ihren Mann, der sie ermutigte: «Du schaffst das, aber benutze nicht so viele Adjektive ...» Mit tröstlichen wie bildhaften Worten setzte Dorothea Isa Murri hinzu: «Verstorbene haben eine eigene Frequenz, in den Erinnerungen gehen wir auf Empfang.»

 

Das gesamte Abendprogramm zum Dia de los Muertos im Haus der Religionen mit Living Library, Musik, Theater und Kinderprogramm wurde organisiert von Lidme Friederich und Erika Bartolano, der Kirche im Haus der Religionen (Christian Walti), der Stadt Bern (Kompetenzzentrum Alter, Evelyn Hunziker) sowie dem Kollektiv «Mal anders» mit 15 jungen Bernerinnen und Berner.