So weit, so gut. Doch dafür müssen wir erst klären: Was bedeutet Suffizienz überhaupt?
Suffizienz ist neben Effizienz und Konsistenz die dritte Lösungsstrategie der nachhaltigen Entwicklung. Die drei Strategien sind ergänzend gedacht, um der Problematik der Übernutzung der natürlichen Ressourcen zu begegnen. Dabei beschreibt Effizienz die optimale Ressourcennutzung mittels reduziertem Einsatz von Ressourcen pro Produkt oder Dienstleistung, während Konsistenz die Anpassung von industriellen Kreisläufen an natürliche Kreisläufe bezeichnet – mit dem Ziel der Erhaltung natürlicher Ressourcen und resilienter industrieller Kreisläufe. Diese beiden Strategien versuchen dem steigenden Ressourcenverbrauch mit technischen Innovationen zu begegnen.
Die Suffizienzstrategie allerdings nutzt soziale Innovation, um den Ressourcenverbrauch zu senken. Bei Suffizienz dreht sich nämlich alles um das richtige Mass: Nicht zu wenig – die Grundbedürfnisse sollen gedeckt sein, aber auch nicht zu viel – dem Überkonsum soll ein Riegel geschoben werden. Da Überkonsum ein Problem der westlichen Gesellschaften ist, geht Suffizienz bei uns unweigerlich mit einer Form des Verzichts einher. Wer nun aber Suffizienz als reine Verzichtsstrategie begreift, hat das Konzept nicht vollständig erfasst. Denn bei Suffizienz ist «das gute Leben» ebenso wichtig wie das richtige Mass. Bei Suffizienz geht es weniger darum, ein gewisses Verhalten ganz zu unterlassen, sondern vielmehr darum, dieses zu ändern.
Nehmen wir zum Beispiel Fahrradfahren: Wer das Auto dauerhaft gegen das Velo tauscht, verzichtet im ersten Moment auf Komfort. Bei heissen Temperaturen, Regen oder Schnee ist es viel komfortabler, in ein trockenes, temperiertes Auto statt auf ein Velo zu sitzen. Doch was gewinne ich, wenn ich aufs Velo umsteige? Ich gewinne an Gesundheit: Velofahren hält fit und die tägliche Bewegung Draussen an der frischen Luft stärkt das Immunsystem. Ich gewinne an Unabhängigkeit: das Velo kann ich überall abstellen, damit ist die lästige Parkplatzsuche Geschichte. Tanken ebenso, denn ich bewege mich allein durch meine Muskelkraft fort. Ich gewinne finanziell, denn das Velo ist ein vielfaches ökonomischer als ein Auto. Im dichten Stadtverkehr gewinne ich ausserdem an Zeit, denn mit dem Velo stehe ich nicht im Stau. Die Vorteile überwiegen also klar den Verzicht.
Genau darum geht’s bei Suffizienz. Die Lebensqualität soll trotz geringeren Ressourcenverbrauchs gleich hoch bleiben, Wohlbefinden nicht mehr an Konsum gekoppelt sein. Suffizienz bietet eine Alternative zum vorherrschenden Paradigma des «immer mehr» in unserem auf Wachstum und Konsum ausgelegtem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Suffizienz bedeutet «besser statt mehr».
Für dieses «besser statt mehr» ist aber nicht allein das Individuum verantwortlich. Suffizienz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die durch griffige politische Rahmenbedingungen begleitet und gefördert muss. Es ist an Politik und Wirtschaft, Rahmenbedingungen und Strukturen zu schaffen, die allen Menschen einen ressourcenleichten Lebensstil ermöglichen. Deshalb beleuchten wir im kommenden Jahr, welche Anstrengungen die Stadt Bern in diese Richtung unternimmt.
Zur Inspiration oder als «Anleitung zum Weltverändern» stellen wir euch ausserdem verschiedene Personen vor, die einen suffizienten Lebensstil verfolgen und erzählen euch von Initiativen, die suffiziente Verhaltensweisen fördern. Also, bleibt dran!