Der Gründer
Der katholische Pfarrer Stephan Perroulaz, kaum zwei Monate im Amt, fasste den Entschluss in Bern einen Gesellenverein zu gründen. Am 10. November 1867 lud er fünf Gesellen und sechs Gesellenfreunde zur Gründungsversammlung ins Pfarrhaus ein. Sein Ziel war es, die Versammelten vom Nutzen und von der Notwendigkeit der geplanten Gründung zu überzeugen – und die Gründung wurde beschlossen.
Das Arbeitsprogramm
Gleichzeitig wurde ein Arbeitsprogramm aufgestellt, das als eigentliche Abendschule bezeichnet werden kann.
An jedem Abend der Woche wurden Kurse angeboten:
- am Montag Korrespondenz und Buchhaltung
- am Dienstag Gesangsunterricht
- am Mittwoch Diskussion über aktuelle Themen
- am Donnerstag Französisch
- am Freitag nochmals Singen
- am Samstag Rechnen mit Geometrie und Zeichnen und
- am Sonntag eine Abendunterhaltung und die Behandlung der Vereinsgeschäfte.
Die ersten Vereinsjahre
Nebst 14 aktiven Gesellen, welche die ersten Vereinjahre prägten, waren noch 19 Ehrenmitglieder, die den jungen Verein tatkräftig unterstützten, aber auch jahrzehntelang entsprechend Einfluss ausübten.
Die ersten Vereinsjahre sahen im Ablauf ähnlich aus. Bei langsam wachsender Mitgliederzahl trafen sich die Gesellen regelmässig in ihrem Vereinslokal, dem Schulzimmer im Pfarrhaus an der Metzgergasse. Ein Vorstand wurde gewählt, der aber keineswegs das freie Bestimmungsrecht der Mitglieder eingeschränkt wollte.
Schwierige Jahre für die Römisch-katholische Kirche Bern und aktives Engagement des Gesellenvereins in der Kirchgemeinde
Als im Jahr 1875 die römisch-katholische Kirchgemeinde die Kirche, das Pfarrhaus, sämtliche Paramente und das ganze Gemeindevermögen der christ-katholischen Gemeinde abtreten musste, büsste auch der Gesellenverein sein Lokal im Pfarrhaus ein und wurde somit während gut fünfzig Jahren zu „einer Wanderung von Wirtschaft zu Wirtschaft“ verurteilt.
Die Gesellen halfen unverdrossen beim Wiederaufbau der römisch-katholischen Kirchgemeinde und liessen sich von den misslichen Verhältnissen nicht beeindrucken. Jahrelang war der Gesellenverein der tätigste Verein in der Pfarrei. Er übernahm den Kirchengesang, den Kirchenordnerdienst und andere Aufgaben.
Wehrdienst - Abzug der Gesellen
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges traf den Berner Gesellenverein hart. Von den damals 52 Mitgliedern schmolz der Verein innerhalb weniger Tage auf 4 zusammen. Österreicher und deutsche Gesellen wurden zu „ihren Fahnen“ gerufen und reisten ab und Schweizer Gesellen rückten in den Grenzdienst ein.
Auch die Nachkriegsjahre stellten hohen Anforderungen den Verein. Politische Unruhen beherrschten das Land und eine heftige Grippeepidemie forderte Tausende von Todesopfern.
In dieser schwierigen Zeit fanden aber auch immer mehr junge Berufsmänner, die in Bern eine Arbeit suchten, eine tragende Gemeinschaft im Gesellenverein. Das Vereinsleben blühte wieder auf und die Chronik berichtet über ein vielseitiges Vereinsleben, gespickt mit vielen Festen und Feiern.
Jeweils an einem Sonntag im November wurde das Stiftungsfest gefeiert. Am Vormittag war während der Messe die Generalkommunion angeordnet und am abendlichen Fest gab es Liedervorträge, Ansprachen, Musik und ein Theater. Innerhalb des Gesellenvereins wurde der „Dramatische Club“ gegründet, der sich ab dem Jahr 1920 „Thalia“ nannte. Diesem gehörten Sänger, Doppelzitherspieler und Tiroler Schuhplattler an. Mit der jährlichen Fastnachtsunterhaltung brachten die Gesellen eine erheiternde Note ins Pfarreileben.
Der zweite Weltkrieg und die darauf folgenden Jahre stellten den Verein auf eine erneute Bewährungsprobe, die mit vereinten Kräften erfolgreich überstanden wurde. In dieser Zeit war unter den Gesellen besonders viel Solidarität zu spüren.
Anschluss an den Verband der christlich-sozialen Organisationen
Im Interesse, den Gesellen Rechtsschutz und Auskunft in gewerkschaftlichen Fragen zu ermöglichen, trat der Gesellenverein 1945 der neugegründeten politischen Arbeitsgemeinschaft junger Katholiken in Bern bei und schloss sich dem Verband der christlich-sozialen Organisationen des Kantons Bern an.
Förderung der eigenen Mitglieder und Beteiligung an Hilfswerken
Der Gesellenverein unterstützte die Aus- und Weiterbildung seiner Mitglieder und freute sich über jedes erreichte Meisterdiplom und/oder das erfolgreich abgeschlossene Studium seiner Mitglieder.
Der Verein stellte einige Laienhelfer und förderte in seinen Reihen geistliche Berufe. Noch heute erinnern sich viele Mitglieder an die Primiz von Franz Reichmuth, der später als Bethlehem-Missionar in Rhodesien segensreich wirkte und an Paul Wiederkehr, der als Bruder der Gesellschaft Jesu 1963 nach Indonesien berufen wurde, um dort eine Schreinerfachschule aufzubauen und über viele Jahre erfolgreich zu führen. Der Verein hat seinen Auftrag während rund 40 Jahren finanziell tatkräftig unterstützt.
Der Gesellenverein beteiligte sich so in den Nachkriegsjahren an mehreren Hilfswerken.
Die Suche nach einem Vereinslokal und einem Zuhause für die Gesellen
Ab 1917 trafen sich die Gesellen für kurze Zeit im Café Sternwarte, dann einige Zeit im Pfarrhaus an der Taubenstrasse 4. 1920 wählten sie die „Pfistern“, die am Platze des heutigen Merkurhauses neben dem Zeitglocken war. Das Gesellenlokal lag gegen das Zibelegässli hinaus. Die „Pfistern“ musste 1925 einem Neubau weichen. Die Gesellen wechselten ins „Amerikanerstübli“, dem heutigen Restaurant Burgunder, an der Speichergasse 15.
Am 1. September 1928 ging ein jahrzehntelang gehegter Wunsch in Erfüllung. Das Gesellenhaus an der Rainmattstrasse 18 konnte bezogen werden. Dieses war bald bis zum letzten Platz besetzt und ständig überbelegt, sodass eine Erweiterung des Platzangebots notwendig wurde. Der Neubau wurde am 20. Juni 1933 mit einer festlichen Feier im grossen Speisesaal dem Betrieb übergeben. Ab 1939 durfte der Verein auch noch die Villa an der Rainmattstrasse 20 nutzen. Diese drei Häuser boten rund vierzig Gesellen ein Heim, ein eigentliches Zuhause. Zahlreiche Pensionäre trafen sich dreimal am Tag im Speisesaal.
Seit der Eröffnung des Gesellenhauses führten Gengenbacher Ordensschwestern den Haushalt. Sie fanden sich rasch mit den Berner Verhältnissen zurecht und sorgten mütterlich-herzlich für die Gesellen. Die gute und langjährige Oberin Sr. Salaria, die heute noch vielen Gesellen in lebendiger und guter Erinnerung ist, zeigte viel Verständnis und Nachsicht für die manchmal unbändige Schar junger Männer. Einer ihrer Grundsätze war: „Wenn ihr miteinander ausgeht, müsst ihr auch miteinander heimkommen. Wie spät es wird, ist nicht so wichtig!“ – Diesem Grundsatz entsprechend, erfolgte die Rückkehr hin und wieder nicht spät, sondern erst früh am folgenden Tag, was von Sr. Salaria zustimmend zur Kenntnis genommen wurde.
Die Neu-Orientierung des Gesellenvereins - die Zeichen der Zeit verstehen und entsprechend handeln
Gemäss den Statuten des Gesellenvereins konnten dem Aktivverein nur junge, unverheiratete Berufsmänner angehören. Junge Männer, die eine Lehre absolvierten, wurden in die Gruppe „Junggesellen“ aufgenommen. Bestandene Berufsmänner, die entweder das Alter von 35 Jahren erreicht hatten, oder heirateten, um eine Familie zu gründen, wurden automatisch als „Altmitglieder“ registriert. Somit nahm die Zahl der „Altmitglieder“ stetig zu, derweil die Zahl der Aktiven stagnierten und später kontinuierlich abnahm.
An den Vereinsanlässen wollten die „Altmitglieder“ aber auch ihre Familien teilhaben lassen – und dies nicht nur in Bern, sondern in der ganzen Schweiz.
Neue nationale Namensgebung und Öffnung des Vereins für Frauen
1967, im Jahr des 100-jährigen Bestehens des Gesellenvereins Bern, fand in Bern die Zentralkonferenz statt. Neue Statuten wurden genehmigt mit dem Ergebnis, dass der „Schweizerische Katholische Gesellenverein“ fortan den neuen Namen „Schweizer Kolpingwerk“ tragen soll.
1971 erfolgte die Statutenänderung mit der Integration von Altkolping und die Öffnung des Verbandes für „weibliche Mitglieder“.
Im Jahr 1974 öffnete sich die Kolping Krankenkasse für Kinder und Frauen.
Gleichstellung Aktiv-Kolping und Altkolping
Eine weitere Statutenänderung erfolgte an der Zentralkonferenz 1983 in St. Gallen, die eine volle Gleichstellung von Kolping und Altkolping ermöglichte.
Die Ortsvereine wurden aufgefordert, ihre Vereinsstatuten entsprechen anzupassen. Kolping Bern hat diese Aufgabe klug und weitsichtig gelöst. Mit den Vereinsstatuten, die an der Generalversammlung 1984 genehmigt wurden, gibt es bei Kolping Bern nur noch einen einzigen Verein, der sich aber je nach Bedarf in Gruppierungen unterteilen kann, denen eigene Rechte und Pflichte zugesichert werden.
An derselben Generalversammlung wurde erstmals eine Frau (Hildegard Holenstein) als Präsidentin von Kolping Bern gewählt. Kurze Zeit nach dieser Versammlung bildete sich die weitgehend selbständige Gruppe „Jungkolping“. Manuela Gisler hat diese über mehrere Jahre sehr kompetent geleitet und mit ihrer Gruppe das Vereinsleben in wertvoller Weise bereichert. Aus gesundheitlichen und beruflichen Gründen musste sie dieses Amt, das leider niemand weiterführen wollte, abgeben. Somit wurde auch die Gruppe „Jungkolping“ aufgelöst.
Adolph Kolping
Adolph Kolping wurde 1813 in Kerpen bei Köln geboren. Die Familie war für ihn in seiner Kindheit und seiner Jugend ein sehr wichtiger Rückhalt. Diese Arbeits- und Geistesgemeinschaft prägte ihn für den Rest seines Lebens. «Dass die Familie später auch in Kolpings pädagogischem Denken eine so zentrale Rolle spielte, wurde im Elternhaus grundgelegt» (Kracht).
Obwohl wissenshungrig, absolvierte er 1826–29 mehr durch Sachzwänge bestimmt als aus freiem Entschluss eine Schuhmacherlehre. Dies war nicht sein Traum. Er erfüllte die Aufgaben zwar gut, aber eigentlich war schon damals sein Ziel, ein Studium zu absolvieren. Vorläufig aber übte er seinen Beruf in verschiedenen Werkstätten aus und brachte seine Leistungen im Beruf auf ein meisterliches Niveau. Zudem bot sich ihm die Chance, eine gutgehende Werkstatt zu übernehmen.
Kolping aber litt unter der rauen Art und der Weltsicht der Gesellen. Als Schuster erlebte er das moralische und soziale Elend seiner Altersgenossen.
Nach acht Jahren kam er zum Schluss «… wie unglücklich ich geworden war». 1837 dann, nach einer nicht näher bezeichneten Krankheit, wagte er den Schritt und holte erst einmal nach privaten Vorbereitungen das Abitur nach. Dann folgte mit privater finanzieller Unterstützung einer Gönnerin das Studium der Theologie, zuerst in München. Hier traf er auf führende Vertreter der katholischen Erneuerungsbewegung.
1842 wechselte Kolping nach Bonn und trat 1844 ins Priesterseminar in Köln ein. Am 13. April 1845 wurde er in der Minoritenkirche in Köln zum Priester geweiht (sein Vater starb in der Nacht davor). Während der Kaplanszeit und der Tätigkeit als Religionslehrer in Wuppertal-Elbersfeld wurde er Präses für den ein halbes Jahr zuvor durch den Hauptlehrer Gregor Breuer gegründeten Gesellenverein. 1848 vollendete Kolping im Oktober die Schrift «Der Gesellenverein», mit dem er für die Verbreitung der Gesellenvereine warb. 1849 wurde er zum Domvikar in Köln ernannt und im selben Jahr gründete er den Kölner Gesellenverein. Von nun an widmete sich Adolph Kolping mit seiner ganzen Kraft dem Aufbau des Gesellenvereins. Er publizierte unzählige Artikel und nützte damit die neuen Möglichkeiten der Medien voll aus. Er unternahm einige Reisen, unter anderem auch in die Schweiz und berichtete 1857 Papst Pius IX. über den Gesellenverein. 1858 übernahm er offziell das Amt des Generalpräses der katholischen Gesellenvereine. 1862 wurde er zum Rektor der Minoritenkirche ernannt.
Am 4. Dezember 1865 starb Adolph Kolping, erst 52 Jahre alt, nach längerer schmerzhafter Krankheit. 1991 wurde er durch Papst Johannes Paul II. in Rom seliggesprochen. Der Petersplatz war überfüllt mit Kolpingmitgliedern aus der ganzen Welt.
«Menschen wie Adolph Kolping sind – wenn man sich mit ihnen beschäftigt und nicht althergebrachte Klischees einfach übernimmt – eine Provokation für Kirche und Staat, für Christen wie Nichtchristen. Sein Konzept der Lebensnähe (Volksnähe) und der Schluss daraus, (Teil)Identifikation für die Menschen zu schaffen, waren mitentscheidend für seinen Erfolg» (Kracht).







