Bernadette Brooten
Junia - hervorragend unter Aposteln

Bernadette Brooten (*1951)
„Uns jungen Frauen hat man anfangs der 70er-Jahre gesagt: Ihr könnt keine Frauenforschung betreiben, denn es gibt kaum Quellen.“
Gab es denn zur Zeit Jesu Pharisäerinnen, Synagogenleiterinnen, Apostelinnen, Gemeindeälteste und Kirchenleiterinnen? Bernadette Brooten hat sich mit indifferenten Antworten wie „wohl eher nicht“ oder „das können wir leider nicht wissen, weil die Quellen dazu nichts sagen“ nie zufrieden gegeben.
Sie studierte katholische und protestantische Theologie, jüdische Geschichte und Talmud. Antike Quellen wurden zu ihrem Metier, dem Material, mit dessen Hilfe sie Frauen der Antike zum Leben erweckte. „Wer etwas über das Leben frühchristlicher Frauen erfahren will, wer ihren Alltag, ihre Tätigkeiten, ihre Überzeugungen und ihren Glauben zu rekonstruieren versucht, sollte die Geschichte dieser Frauen zum Forschungsschwerpunkt wählen …“
In den späten siebziger Jahren wurde Brooten als Doktorandin in Harvard gesagt, dass es über Frauen im Neuen Testament nichts mehr zu forschen gäbe. Ein Musterbeispiel dafür, wie die Bedeutung der Frauen um Jesus und der Frauen im frühen Christentum systematisch heruntergespielt wurde, ist Junia aus dem Römerbrief (16,7).
Während Jahrhunderten wurde aus der Apostelin ein Junias, aus der Frau ein Mann, weil es als unmöglich galt, dass unter den Aposteln eine Frau gewesen sein könnte. Brooten hat diesen Fall von dogmatischer Geschlechtsumwandlung untersucht und fand heraus, dass es für die Kirchenväter Johannes Chrysostomos, Origenes von Alexandrien und Hieronymus klar war, dass Junia ein weiblicher Name war. Zudem gibt es bis heute keine Referenz in der gesamten antiken Literatur, die einen Junias bezeugen könnte.
Diese Entdeckung Brootens wurde 1989 in die amerikanische Bibelübersetzung (New Revised Standard Version) aufgenommen, im deutschsprachigen Raum auch in die Bibel in gerechter Sprache (2006) und in die neue Zürcher Übersetzung (2007).
Brooten hat deutlich gemacht, dass es für die neutestamentliche Wissenschaft von besonderer Wichtigkeit ist, sich mit der Judaistik zu beschäftigen. Das heisst, das antike Judentum ist nicht nur als Hintergrund für das Neue Testament, sondern als lebendige Alternative zum frühen Christentum zu begreifen.
Die Frauenfeindlichkeit, die dem Judentum oft angelastet wurde, konnte Brooten in ihren Forschungen nicht finden. Vielmehr hat sie auf Inschriften und Grabsteinen entdeckt, dass es Synagogenleiterinnen gegeben hat, wie auch Frauen mit gemeindevorstehenden Funktionen, weibliche Älteste oder Gemeindeälteste. Für Brooten ist daher die ‚jüdische Frauenunterdrückung‘ in Anführungszeichen zu setzen und zumeist Ausdruck von christlichem Antijudaismus.
„Frauen haben heute in drei von vier jüdischen Richtungen die Möglichkeit, Rabbinerin zu werden. Dasselbe kann man vom Christentum nicht behaupten; christliche Frauen können nicht in drei Vierteln der Kirchen ordiniert werden.“
Brooten leitete in Tübingen das Sonderforschungsprojekt „Frau und Christentum“ bevor sie nach Konflikten mit Hans Küng in Boston lehrte. Tabuthemen gab es für sie nicht. Sie untersuchte die homoerotische Liebe von Frauen in der Antike und die Möglichkeiten der jüdischen Ehefrau, eine Scheidung zu initiieren. Heute leitet sie ein Forschungsprojekt, das die Nachwirkungen der Sklaverei in den USA untersucht.
Luzia Sutter Rehmann
Wichtigste Werke:
Frauen in der Männerkirche. Hrsg. von Bernadette Brooten und Norbert Greinacher. Mainz 1982.
Love Between Women: Early Christian Responses to Female Homoeroticism. Chicago 1996.
Alle bisher erschienenen Artikel finden Sie im Pfarrblatt-Archiv.
20.11.2008
Aus cathberne.ch
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