Hans Heinrich Schmid
Pentateuch und die Zürcher Universität

Hans Heinrich Schmid (*1937)
„Denn eben darin liegt die wichtigste Aufgabe und die grösste Wirkung einer Universität: verlässliche Grundlagen zu legen für gerade jene Zukunft, die wir noch nicht kennen.“
Dass Hans Heinrich Schmid der Zürcher Universität eng verbunden ist, liegt auf der Hand: Hier hat er in den 1960er Jahren seine wissenschaftliche Karriere begonnen, hierher wurde er 1976 – nach einigen Jahren als Professor für Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule in Bethel – als Professor berufen und hier wurde er 1988 zum Rektor gewählt.
Bereits mit seiner Doktorarbeit über die alttestamentliche Weisheit hat Schmid den Versuch unternommen, den Horizont der alttestamentlichen Wissenschaft zu erweitern: Seine Interpretation der alttestamentlichen Weisheitsliteratur vor dem Hintergrund altorientalischer Texte war zu ihrer Zeit eine Pionierleistung – dass die Weisheit ihrem Wesen nach ein internationales und interreligiöses Phänomen ist, hatte man bereits erkannt.
Schmid fragt allerdings weiter: „Aber ist dieser Tatbestand so negativ oder doch so reserviert zu beurteilen, wie dies meist geschieht? Wäre es nicht möglich, dass sich auch in der Weisheit ‚Offenbarung‘ ereignete, zwar ohne Visionen, Auditionen und ohne Kultapparat, aber deshalb nicht weniger wahr?“ (148 f.) Entscheidend ist dabei für den Theologen: „Weisheit ist dort lebendig, wo sie in konstitutivem Kontakt zu Zeit und Geschichte steht.“ (199) Das Interesse an aktuellen theologischen Fragen zeigt sich auch an Schmids Habilitationsschrift, einer Studie zum alttestamentlichen Gerechtigkeitsbegriff.
Eine besondere Herausforderung der alttestamentlichen Wissenschaft stellte Schmids Monographie „Der sogenannte Jahwist“ von 1976 dar, in der er sich mit den Problemen der Pentateuchforschung auseinandersetzt. Der Ausgangspunkt ist die vermeintlich älteste Quelle des Pentateuch: Schmid weist anhand der einschlägigen Texte minutiös nach, dass „das in der Forschung mit dem Stichwort ‚Jahwist‘ bezeichnete Geschichtswerk mit seiner umfassenden theologischen Redaktion und Interpretation der Pentateuchstoffe nicht der salomonischen Zeit entstammen kann, sondern die vorexilische Prophetie bereits voraussetzt und in die Nähe der deuteronomisch-deuteronomistischen Traditionsbildung und literarischen Arbeit gehört“ (167) – und damit mindestens 300 Jahre jünger ist als in den 1970er Jahren allgemein angenommen.
Diese Spätdatierung des Jahwisten fand nach und nach ihre Anhänger und bestimmt heute die Forschungsdebatte um die Entstehung des Pentateuch. Als Schmid 1988 das Amt der Rektors der Universität Zürich übernahm, hatte einer seiner Kollegen Bedenken: „Würde Hans Heinrich Schmid den Stress des Rektorats überhaupt gesund überstehen? (…)
Und würde Schmid den Überblick behalten in der Fülle der Geschäfte? Die Bedenken verstärkten sich, wenn man Schmids Arbeitsraum betrat, in dem sich die Papiere in einer Weise türmten, dass man den Schreibtisch suchen musste. Aber Schmid fand im entscheidenden Moment nicht nur den Schreibtisch, sondern auch das richtige Papier.“ (Fritz Stolz)
Markus Saur
Wichtige Werke von Hans Heinrich Schmid:
Hans Heinrich Schmid, Wesen und Geschichte der Weisheit. Eine Untersuchung zur altorientalischen und israelitischen Weisheitsliteratur, Berlin 1966. Ders., Gerechtigkeit als Weltordnung. Hintergrund und Geschichte des alttestamentlichen Gerechtigkeitsbegriffes, Tübingen 1968. Ders., Der sogenannte Jahwist. Beobachtungen und Fragen zur Pentateuchforschung, Zürich 1976.
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10.07.2008
Aus cathberne.ch
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