Anonym, Moossee Und Hofwil(2)

Wie die Schweizer:innen über die Alpen singen

Ein Gespräch mit Roman Walker über Naturfrömmigkeit und den Evergreen «Lueget vo Bergen und Tal».

Bildnachweis Gemälde im Header: Moossee und Hofwil um 1820. Künstler unbekannt. Wikimedia Commons

Interview: Aurel Jörg


«pfarrblatt»: Es gibt in der Schweiz viele Volkslieder – was zeichnet ein «Alpenlied» aus? 

Roman Walker: Wir kennen in der Schweiz ein sehr grosses Repertoire an Volksliedern, das gerade mit Blick auf alle vier Landessprachen kaum überblickbar erscheint. Ich habe mich für die Frage nach den «Zutaten», die ein Volkslied zum Alpenlied machen, auf das berühmte Lehrgedicht «Die Alpen» von Abrecht von Haller aus dem Jahr 1829 gestützt. Er bündelte die ihm bekannten Alpenthemen, wie beispielsweise die Jagd, Naturgefahren wie Lawinen oder Mythen und Sagen, erforschte, ordnete und verdichtete diese. Diesen alpinen Bilderhaushalt habe ich mit moderneren Aspekten des Alpinen, wie zum Beispiel den gesellschaftlichen Wandel, konkret die Emigration im Alpenraum, ergänzt. 

Sie schreiben, kaum ein Lied werde so sehr mit der Schweiz als Alpenheimat in Verbindung gebracht wie «Lueget vo Bergen und Tal». Warum?

Walker: Es ist für mich auch erstaunlich, doch «Lueget vo Bergen und Tal» hat unter den vielen Volksliedern mit Alpenbezug einen besonderen Status. Das hat nicht nur mit dem eingängigen Liedtext oder der gut singbaren Melodie zu tun. Es wurde ganz wesentlich auch durch die Medialisierung der Gesellschaft, insbesondere durch das Radio, zum Ohrwurm. So geniesst das in seiner Ursprungsfassung dreistimmig gesetzte Lied in der Deutschschweiz einen besonderen Stellenwert. Anlässlich öffentlicher Feste ertönt es zuweilen als Loblied auf die Alpen oder gar als «Hymnenersatz». Es scheint im kollektiven Repertoire der schweizerdeutschen Gesellschaft tatsächlich äusserst tief verankert zu sein.

  • Noten Alpenlied
  • Hofwil Wikipedia
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Sie verorten den «See» der zweiten Strophe konkret beim Moossee. Wie wichtig ist dieser regionale Berner Bezug? 

Walker: Für mich war es interessant, zu sehen, welche regionalen Gegebenheiten in den Liedtext eingeflossen sind. Für die heutige Bedeutung des Liedes ist der konkrete See jedoch nicht mehr relevant. Es ist auf den ganzen Voralpenraum, wo eine Fernsicht auf die Berge gegeben ist, übertragbar. 

Wird «Lueget vo Bergen und Tal» auch noch in 200 Jahren gesungen? 

Walker: Gut denkbar, dass wir 2226 noch immer halb andächtig, halb wehmütig «Lueget vo Bergen und Tal» singen werden. Für den Repertoirewandel in der Gesellschaft sind vor allem zwei Faktoren massgebend. Entweder das Lied verliert an Bedeutung, weil der Inhalt nicht mehr relevant ist, oder das Volkslied wird durch ein neues Repertoire verdrängt. Bei «Lueget vo Bergen und Tal» wird der Inhalt auch noch weitere 200 Jahre von Bedeutung sein und einen Repertoirewandel, der durch ein neues Volksliedrepertoire ausgelöst würde, sehe ich gegenwärtig nicht auf uns zukommen. Durch «Venus vo Bümpliz» oder «Ewigi Liebi» wird «Lueget vo Bergen und Tal» jedenfalls nicht verdrängt. 

Wie hat die Beschäftigung mit Alpenliedern Ihren Blick auf die Berge verändert? 

Walker: Ich habe festgestellt, dass mein eigenes Alpenbild bis heute stark durch Klischees geprägt ist. Gleichzeitig wurde mir auch bewusst, wie wirkmächtig das gemeinsame Singen an und für sich ist. Die Arbeit hat daher auch meinen Blick auf die Liedtexte verändert. Denn gerade als Kirchenmusiker frage ich mich nun viel mehr, was ein Kirchenlied vermitteln will, denn das Lied ist ja meist weit mehr als Unterhaltung. Es will bilden, beheimaten und zuweilen auch das Denken der Singenden und Zuhörenden justieren. Diese Sensibilisierung nehme ich als wesentlichen Aspekt aus meiner Forschung mit.

  • Alpenlied
  • Buch Alpen
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Zur Person

Roman Walker (*1969) studierte nach ersten Berufsjahren als Primarlehrer Gesang, Chorleitung, Schul- und Kirchenmusik. Sein Interesse am Musizieren mit Kindern und Jugendlichen führte ihn an die Stiftsschule Engelberg, wo er zum ersten weltlichen Stiftskapellmeister berufen wurde. Heute wirkt Walker als Kantor und Teamleiter an Zürichs Altstadtkirchen und dirigiert Chöre und Orchester. Seine besondere Leidenschaft gilt der Forschung am Institut Kulturen der Alpen der Universität Luzern. Die Publikation «Die Alpen im Lied der Schweiz» ist seine Dissertation.

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