St. Peter, Vatikan - Zentrale kirchlicher Macht. (Foto: Anton Scherbakov auf unsplash.com)

Verteufelung des Reiches Gottes?

KRITISCHE SICHT AUF DIE THEOLOGIE VON JOSEPH RATZINGER. EINSPRUCH ZWEIER SCHWEIZER THEOLOGEN.

In den Medien wurde nach dem Tod von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. vor allem unkritisch die These von der theologischen Genialität des Verstorbenen bemüht. Zwei auch bei Teamleuten und anderen in Biel bekannte Schweizer Theologen nehmen kritisch Stellung: Der eine, Urs Eigenmann, indem er eine Grundtendenz ratzingerscher Theologe an einem Beispiel verdeutlicht, der andere, Felix Senn, indem er auf leidvolle Erfahrungen bedeutender und leidenschaftliches Kirchenleute und Denker:innen verweist.

Dies sei hier dokumentiert und den Besucher:innen der Webseite des Pastoralraumes Biel-Pieterlen zum Nachdenken an die Hand zu geben.
Beide Texte stehen auch als PDF-Dateien zur Verfügung. - Lesenswert zudem das Interview von Odilo Noti, das auf kath.ch veröffentlicht wurde: https://www.kath.ch/newsd/joseph-ratzinger-unterdrueckte-die-befreiungstheologie-in-lateinamerika/

Und dies sind die beiden Beiträge, die auch veröffentlicht wurden:

Joseph/Ratzinger/Benedikt XVI. ein brillanter Jahrhunderttheologe, wenn er das Reich Gottes verteufelt? 1

von Dr. Urs Eigenmann, em. Pfarrer und Lehrbeauftragter an der Universität Luzern

Fussnoten können nur auf der PDF-Datei dargestellt werden und fehlen hier.

Spätestens seit 2007 bzw. 2013 hat sich in der römisch-katholischen Kirche eine Situation ergeben, die in ihrer Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit in Bezug auf die Einschätzung des Reiches Gottes kaum mehr zu überbieten ist. Auf höchster hierarchischer Ebene der römisch-katholischen Kirche wird das Reich Gottes – biblisch bezeugt als Mitte der Sendung Jesu – vom einen Papst verteufelt, vom anderen zentral gesehen. In dem 2007 veröffentlichten Ersten Teil seiner Publikationen über Jesus von Nazaret geht Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. so weit, das Reich Gottes zu diabolisieren. Zwar anerkennt er den biblischen Befund, wonach das Reich Gottes das Zentrum der Sendung Jesu war, wenn er feststellt: „Der zentrale Inhalt des ‚Evangeliums’ lautet: Das Reich Gottes ist nahe. [...] Diese Ankündigung bildet tatsächlich die Mitte von Jesu Wort und Wirken.“2 Dann aber unternimmt er es auf vierfache Weise, die Zentralsetzung des Reiches Gottes heute – von ihm „Regno-Zentrik“3 genannt – zu diffamieren. Erstens erklärt er: „Jesus, verkündet, indem er vom Reich Gottes spricht, ganz einfach Gott [...]. Er sagt uns: Gott gibt es. Und: Gott ist wirklich Gott [...]. In diesem Sinn ist Jesu Botschaft sehr einfach, durch und durch theozentrisch.“4 Damit widerspricht Ratzinger/Benedikt XVI. dem von ihm selbst bestätigten biblischen Befund, wonach die Mitte der Sendung Jesu das Reich Gottes war. Zweitens behauptet er – die Regno-Zentrik politisch diffamierend –, es habe „[...] sich in breiten Kreisen, besonders auch der katholischen Theologie, eine säkularistische Umdeutung des Reichsgedankens entwickelt [...]“5. Mit seiner Rede von einer säkularistischen Umdeutung des Reichsgedankens zeigt Ratzinger/Benedikt XVI., dass er den biblischen Befund nicht zur Kenntnis genommen hat, wonach das von Jesus bezeugte Reich Gottes eine völlig säkulare Grösse darstellt, mit der in keiner Weise ein religiös-gläubiges Bekenntnis, eine kultisch-liturgische Handlung oder eine priesterlich-institutionelle Vermittlung verbunden ist. Zudem ist ihm entgangen, dass Jesus das Heil desakralisiert hat, wie beim französischen Jesuiten Joseph Moingt nachzulesen ist.6 Weiter in der politischen Diffamierung bezeich- net Ratzinger/Benedikt XVI. die Regno-Zentrik als „[...] utopistisches Gerede ohne realen Inhalt, sofern man nicht im Stillen Parteidoktrinen als von jedermann anzunehmenden Inhalt dieser Begriffe voraussetzt.“7 Drittens greift er über diese mit schwurbligen Unterstellungen angereicherte politische Diffamierung hinaus die Regno-Zentrik auch theologisch an, wenn er behauptet: „Vor allem aber zeigt sich: Gott ist verschwunden, es handelt nur noch der Mensch. [...] Gott [...] wird nicht mehr gebraucht oder stört sogar.“8 Damit versucht er, die Regno-Zentrik der Gottlosigkeit zu bezichtigen. Viertens geht er noch einen entscheidenden Schritt weiter, wenn er die Regno-Zentrik verteufelt, indem er behauptet: „Die Nähe dieser nichtchristlichen Vision von Glaube und Religion zur dritten Versuchung Jesu ist beunruhigend.“9 Dabei bezieht er sich auf die dritte Versuchung Jesu im Matthäusevangelium (vgl. Mt 4,8-11), zu der er im zweiten Kapitel seines Buches über Jesus von Nazareth sagt: „Kommen wir zur dritten und letzten Versuchung, dem Höhepunkt der ganzen Geschichte.“10 Die Diabolisierung der 

Regno-Zentrik geschieht dadurch, dass Ratzinger/Benedikt XVI. die satanische Versuchung im Matthäusevangelium in eine luziferische verkehrt. Diese Verkehrung nimmt er vor, indem er den Text der dritten Versuchung Jesu im Matthäusevangelium, auf den er sich bei seinem Vorwurf beruft, nicht zitiert, sondern paraphrasiert, dabei aber den Inhalt ins Gegenteil verkehrt. Bei Matthäus steht: „Wieder nahm ihn [Jesus] der Teufel [diábolos] mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir nieder- wirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. Darauf liess der Teufel [diábolos] von ihm und siehe, es kamen Engel und dienten ihm“ (Mt 4,8-11, Hervorhebungen im Original). Jesus weist das Angebot des Satans im Namen des Himmel- oder Gottesreiches zurück, das er zu bezeugen gekommen war, wie im selben Matthäusevangelium steht: „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe“ (Mt 4,17). Die Stelle Mt 4,8-11, auf die sich Ratzinger/Benedikt XVI. beruft, zitiert er nicht, sondern umschreibt sie so: „Kommen wir zur dritten und letzten Versuchung, dem Höhepunkt der ganzen Geschichte. Der Teufel führt den Herrn visionär auf einen hohen Berg. Er zeigt ihm alle Königreiche der Erde und deren Glanz und bietet ihm das Weltkönigtum an. Ist das nicht genau die Sendung des Menschen? Soll er nicht der Weltkönig sein, der die ganze Erde in einem grossen Reich des Friedens und des Wohlstand vereinigt?“11 In dieser Paraphrasierung gibt Ratzinger/Benedikt XVI. nicht den Inhalt des biblischen Textes lediglich mit anderen Worten wieder, sondern er verkehrt den Inhalt ins Gegenteil. Er legt dem Teufel eine andere Versuchung in den Mund als die im biblischen Text bezeugte. Nach Ratzinger/Benedikt XVI. bietet der Teufel Jesus nicht alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht an, sondern ein grosses Reich des Friedens und des Wohlstands. Ein solches ist aber das Gegenteil von den Königreichen der Erde und deren Glanz. Ratzinger/Benedikt XVI. geht also so weit, sich zwar auf den biblischen Text zu berufen, diesen aber nicht korrekt wiederzugeben, sondern ihn ins Gegenteil zu verkehren. Wenn er aber ein grosses Reich des Friedens und des Wohlstands in Verbindung mit dem diabolos bringt, heisst dieser Teufel nicht wie in der Bibel Satan, sondern Luzifer.

Luzifer war in der alten Kirche ein Beiname für Jesus, und der Name eines Bischofs von Cagliari (gest. vor 375).12 Bis heute gibt es in Cagliari eine dem Heiligen Luzifer gewidmete Kirche und in der Kathedrale von Cagliari eine dem Luzifer gewidmete Kapelle.13 Im 10. Jahrhundert tauchte Luzifer als Name des Teufels im Zusammenhang mit Papst Johannes XII. (955-964) auf, wenn diesem als einem der kriminellsten Päpste u. a. vorgeworfen wurde, er habe zusammen mit anderen Luzifer zugeprostet.14 Bernhard von Clairvaux (1090-1153) formulierte dann die Verkehrung: „O Luzifer (Lichtbringer), der du am Morgen aufstrahltest, nein, nicht mehr Lichtbringer, sondern Nachtbringer oder auch Tod- bringer.“15 Luzifer wurde „[...] zum Beinamen des Teufels. Es handelt sich um den in eine Bedrohung verwandelten Jesu selbst.“16

Spätestens seit dem Mittelalter muss also im mythischen Universum des Christentums bzw. der Chris- tenheit zwischen dem Teufel als Satan und dem Teufel als Luzifer unterschieden werden. Satan steht für den Erhalt der (Anti)-Reiche dieser Welt und ihrer Gewaltlogik. Luzifer steht für das Reich Gottes, in dessen Namen die Antireiche der Welt überwunden werden sollen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Satan heisst der Teufel der Armen, weil er Repräsentant jener Reiche der Welt und ihrer Pracht ist, unter denen die Armen leiden. Luzifer heisst der Teufel der Reichen, weil er das Reich Gottes gegen jene Reiche der Welt bezeugt, von denen die Reichen profitieren. Mit seiner Verteufelung eines grossen Reichs des Friedens und des Wohlstands vertritt Ratzinger/Benedikt XVI. nicht wie die kirchenamtliche Orthodoxie bis zum Zweiten Vatikanum bloss eine Theologie ohne Reich Gottes, sondern sogar eine Theologie gegen das Reich Gottes. Mit der Verkehrung der biblisch bezeugten satanischen Versuchung in eine luziferische begibt er sich zudem in eine beunruhigende Nähe zu Karl Poppers Verkehrung des Himmelreichs in die Hölle.17 Ratzinger/Benedikt XVI. erweist sich damit als einer der aggressivsten Repräsentan- ten der imperial-kolonisierenden Christenheit.
Ganz anders als für Ratzinger/Benedikt XVI. ist das Reich Gottes für Papst Franziskus zentral. Er hält in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium kurz und bündig fest: „Evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig machen“ (EG 176). Zudem erklärt er: „Aus einer Lektüre der Schrift geht [...] klar hervor, dass das Angebot des Evangeliums nicht nur in einer persönlichen Beziehung zu Gott besteht. [...] Das Angebot ist das Reich Gottes (vgl. Lk 4,43 [Hervorhebung im Original]); es geht darum Gott zu lieben, der in der Welt herrscht. [...] Suchen wir sein Reich: ‚Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben’ (Mt 6,33). Der Plan Jesu besteht darin, das Reich seines Vaters zu errichten; er verlangt von seinen Jüngern: ‚Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe’ (Mt 10,7)“ (EG 180). Damit erweist sich Papst Franziskus als ein Theologe, der sich am prophetisch-messianischen Christentum orientiert.

Text von U. Eigenmann als PDF-Datei

 

Joseph Ratzinger und die nachkonziliare Theologie

von Dr. Felix Senn

De mortuis nihil nisi bene. Dieses weise lateinische Sprichwort gilt allerdings nur im privaten, persönlichen Bereich. Bei Personen mit öffentlichen Ämtern und viel Macht jedoch ist es wörtlich Not-wendend, auch kritisch zu erinnern, wie sie denn ihre öffentlichen Aufgaben und Ämter wahrgenommen, wie sie ihre Macht eingesetzt haben. Nur so können begangene Fehler in Zukunft vermieden werden.

Joseph Ratzinger war in der katholischen Kirche ganz und gar eine öffentliche Person mit höchsten Ämtern und grössten Machtbefugnissen – schon als Erzbischof von München, vor allem aber als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und als Papst Benedikt XVI. Da wäre es schlicht sträflich, wegen des Respekts dem Verstorbenen gegenüber vom Negativen zu schweigen.

In seinem über 30jährigen Wirken in Rom war Ratzinger getrieben vom Willen, die Kirche von allem Neuen zu bewahren oder wieder zu reinigen. Auch wenn er für sich beanspruchte, nichts anderes als die legitime Deutung und Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verfolgen, so wurde bald offensichtlich, dass er mit allen ihm verfügbaren Mitteln versuchte, das Rad der Zeit zurückzudrehen hinter die Errungenschaften des Konzils. Mit seiner künstlich konstruierten „Hermeneutik der Kontinuität“, in der er keinerlei Widerspruch zwischen vorkonziliarer und konziliarer Theologie zuliess oder anerkennen wollte, machte er sämtliche Errungenschaften des Konzils zunichte. Mit „Dominus Iesus“ brüskierte er nicht nur die Bischöfe und Theologen im asiatischen Raum, die in der Spur des Konzils (Nostra aetate!) den konstruktiven Dialog mit den östlichen Religionen vorantrieben, sondern auch zugleich die Kirchen der Reformation, denen er eine „schwer defizitäre Situation“ beschied und das Kirchesein rundweg absprach. Seinem Furor fielen sie reihenweise zum Opfer, die besten Theologinnen und Theologen der letzten Jahrzehnte, die das Zweite Vatikanum ernstnahmen, eine Verheutigung (aggiornamento) der katholischen Kirche vorantrieben und die christliche Botschaft mit den Zeichen der Zeit zu versöhnen versuchten: Ihnen wurde die Lehrerlaubnis entzogen oder gar nicht erst erteilt. Sie wurden in langjährige, intransparente und teilweise peinliche Lehrzuchtverfahren  verwickelt. Ein Klima der Angst entstand. Wer Karriere machen wollte, äusserte sich mit Vorteil nicht zu heissen Eisen wie aussereheliche Sexualität, strukturelle Reformen in der Kirche (z. B. Frauenordination), symbolische Deutung biblischer Texte (Wunder, Jungfrauengeburt…). Die Zahl der Fettnäpfchen, die es bei einer theologischen Laufbahn zu vermeiden galt, ist ziemlich gross.

Bei all dem war Joseph Ratzinger federführende Schlüsselfigur. Und seine Diktion war messerscharf. Mit seiner unsäglichen These einer angeblichen „Diktatur des Relativismus“ in der Kirche verunglimpfte er sie alle:

  • Vertreter einer differenzierten Theologie der Religionen (Tissa Balasuriya aus Sri Lanka etwa, der 1997 sogar exkommuniziert wurde)
  • profilierte Ökumeniker, die mit gelebter Kirchengemeinschaft ernst machen wollten (wie z. B. Hans Küng oder Gotthold Hasenhüttl)
  • die Theologie der Befreiung und ihre herausragendsten Vertreter (wie z. B. Leonardo Boff und vor allem Jon Sobrino)
  • und sogar die weitaus „harmlosere“ politische Theologie in Europa (eine Professur von Johann Baptist Metz in München hat Ratzinger noch als Erzbischof verhindert)
  • eine existentielle oder tiefenpsychologische Hermeneutik der Bibel (z. B. Josef Imbach, Uta Ranke-Heinemann, Eugen Drewermann)
  • und ganz zu schweigen natürlich von den Vertreterinnen einer Gleichstellung der Frauen und einer feministischen Theologie (Magdalena Bussmann z. B. oder Teresa Berger, der die Lehrerlaubnis für einen Lehrstuhl im deutschsprachigen Raum, u. a. in Freiburg/Schweiz, verweigert wurde).

Sie alle und viele mehr hat Joseph Ratzinger verdächtigt und als Relativisten und Relativistinnen abgestempelt, ja mehr noch: Er sah sich offensichtlich von ihnen derart massiv bedroht, dass er von einer „Diktatur“ sprach. Wie bitte? Wer hatte denn die Macht, wer? Wem waren all diese nachkonziliaren Theologinnen und Theologen ausgeliefert? Wer entschied über die sogenannte „Venia legendi“, die „Gnade“ also, an einer Theologischen Hochschule lehren zu dürfen? Wer indizierte Bücher oder entschied über Exkommunikationen?  – Wenn schon „Diktatur“, dann wären solcherart Methoden wahrlich an anderen Stellen zu lokalisieren.

Der Sache nach – nota bene – erhob Ratzinger den pauschalen Vorwurf des Relativismus an die Adresse „der modernen Theologie“ schon unmittelbar nach dem Konzil, als er noch als ein aufstrebender Erneuerungstheologe gefeiert wurde, der er nie war. Im Vorwort zu seiner vielgerühmten „Einführung in das Christentum“ (1968!) verglich er „die moderne Theologie“ mit dem Märchen von „Hans im Glück“ und fragt rhetorisch: „Hat unsere Theologie in den letzten Jahren (also im Umfeld des Konzils! Anm. von FS) sich nicht vielfach auf einen ähnlichen Weg begeben? Hat sie nicht den Anspruch des Glaubens, den man allzu drückend empfand, stufenweise herunterinterpretiert…?“ Und er bedauerte die Gläubigen, die sich von solcher Theologie Glaubenshilfe erhofften: „Und wird der arme Hans, der Christ, der vertrauensvoll sich von Tausch zu Tausch, von Interpretation zu Interpretation führen liess, nicht wirklich bald statt des Goldes, mit dem er begann, nur noch einen Schleifstein in Händen halten, den wegzuwerfen man ihm getrost zuraten darf?“ – Nein, „zu jenen Gedankenlosen (!)…,  die das Neue unbesehen jederzeit auch schon für das Bessere halten“, wollte der Autor der „Einführung in das Christentum“ keinesfalls gehören. Und schon in diesem Buch waren Ratzinger der johanneische Christus und die Wesenschristologie der griechisch-platonisch geprägten frühen Konzilien weit näher als der biblisch-historische Jesus von Nazaret und seine jüdisch verankerte, radikale Reich-Gottes-Botschaft und -Praxis.

Vergegenwärtigt man sich dies alles im Rückblick, so verwundert es nicht, dass Joseph Ratzinger in seiner Amtszeit als Erzbischof von München, als Präfekt der Glaubenskongregation und als Papst alles daran setzte, die Theologie wieder auf traditionelle Linie zu trimmen. Und man muss neidlos eingestehen: Es ist ihm in seiner Zeit als Präfekt gelungen, die „Kongregation für die Glaubenslehre“ wieder zurückzuverwandeln in das, was sie vor dem Konzil war: ein „Heiliges Offizium“ (dem damals übrigens der Papst selbst vorstand!), ja gar eine Inquisitionsbehörde („Heilige Inquisition“ hiess sie bis 1908), unter der Generationen von Theologinnen und Theologen zu leiden hatten.

Und so war die lange Ära Ratzinger in Rom eine Ära der Restauration und auf der ganzen Linie ein Hemmschuh für die Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der dramatische Glaubwürdigkeitsverlust der katholischen Kirche hat nicht zuletzt auch damit zu tun (nicht allein mit den ungeheuerlichen Missbrauchsskandalen, in denen Ratzinger ebenfalls eine höchst zwiespältige Rolle spielte).

Fazit: Aus der Sicht des jüngsten Konzils hätte Joseph Ratzinger nie und nimmer Karriere machen dürfen in Rom – weder als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre noch viel weniger als Papst. Sein Rücktritt 2013 war etwas vom Besten, was er als Papst getan hat. Es zeigt in allem doch eine gewisse Grösse und ist ihm hoch anzurechnen. Insgesamt jedoch war Joseph Ratzinger in seinem rückwärtsgewandten Eifer wie aus der Zeit gefallen, ein Relikt aus vergangenen Zeiten, ein Notbremser bei der Öffnung der Kirche in der Welt dieser Zeit.

Nun ist er zur Ruhe gekommen. Requiescat in pace!

Text von Felix Senn als PDF-Datei