Leeres Weihwasserbecken in der Basilika Dreifaltigkeit in Bern. Foto: Pia Neuenschwander

«Man kann Gott auch dann nahe sein, wenn man nicht in der Kirche ist.» Marie-Louise Beyeler. Foto: Pia Neuenschwander

Aus der Distanz - mit Herz

Per Post und mit Papier, via Telefon und E-Mail: Die Seelsorge geht auch in der Zeit von Corona weiter. Sie ist so nötig wie nie – und wird besonders geschätzt.

Von Marcel Friedli

Der Auszubildende guckt verdutzt: «Echt jetzt?» Er ist gebeten worden, vorsorglich einige Formulare für Beerdigungen auszudrucken. Was nach Panikmache klingt, kann man mit Blick auf unser südliches Nachbarland jedoch nicht ausschliessen. Die Devise: erledigen, was man jetzt schon erledigen kann. In der Pfarrei Dreifaltigkeit Bern ist es zurzeit ruhig. Kaum Menschen, die vorbeikommen und etwas wollen. Doch es ist die Ruhe vor dem Sturm, der spürbar in der Luft liegt. Zwar hatte Christian Schaller in letzter Zeit keine Beerdigungen. «Weil alle die Beisetzung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben», sagt der Priester und Pfarreileiter. «Die Trauernden hoffen, dass dann eine Abschiedsfeier in würdigem Rahmen stattfinden kann: mit allen, die dem Verstorbenen nahestanden.» So weiss Christian Schaller schon jetzt, dass er nach der Krise sehr beschäftigt sein wird. Aber vielleicht schon früher: «Was, wenn es bei uns bald wie in Italien sein wird: dass so viele Leute sterben, dass die Priester und Gemeindeleiterinnen mit der Abschiedszeremonie kaum nachkommen werden? Da werde ich enorm gefordert sein.»

Ängste und Verletzungen

Gefordert ist er bereits jetzt: als Seelsorger. Die Rollen haben sich vertauscht: Die Leute suchen nicht Rat bei ihm – sondern er meldet sich direkt bei ihnen: Ältere Menschen ruft er meist an, jüngeren schreibt er Mails. «Dass wir uns nach ihnen erkundigen, schätzen sie sehr», sagt Christian Schaller, «die Menschen brauchen ein Ohr, das ihnen zuhört. Zuhören ist das Allerwichtigste, aber auch mitfühlen und mittragen. Fragen aushalten wie: Wo ist Gott jetzt? Was habe ich getan, dass mir nun auch das noch passiert? Und annehmen, dass auch wir nicht die Non-plus-ultra-Antwort haben.»

Der Priester ist zu einer Art Sorgentelefon geworden. Er hört vom Lehrling, der nicht weiss, ob es den Betrieb, bei dem er seine Ausbildung beginnen will, nach der Krise noch geben wird. Von Menschen, die vor dem Einschnitt stundenweise auf Abruf arbeiten konnten – und dass dieses Geld, auf das sie angewiesen sind, jetzt wegfällt. Vom Gärtner, der auf seinen Geranien sitzen bleibt, und dem Barbetreiber, der weiter Miete zahlt, aber keine Einnahmen hat. Wie schwer es fällt, die demenzkranke Mutter via Telefon begrenzt erreichen zu können. Dass die Menschen redebedürftiger sind, merkt Christian Schaller auch bei der Beichte, die nun hinter Plexiglas stattfindet. «Die Gespräche dauern länger. Die Krise kratzt an Verletzungen und Ängsten, die existenziell sind.»

Ostern im Herzen

Dies bekommt auch Marie-Louise Beyeler zu spüren, die den Pastoralraum Seeland leitet. «Die aktuelle Krise», sagt sie, «trifft sowohl Gläubige als auch Seelsorgende: Etwas so Nötiges und Zentrales wie der direkte menschliche Kontakt darf nicht mehr stattfinden. Als Seelsorgerin niemandem die Hand geben zu dürfen, ist sehr gewöhnungsbedürftig.» Da das halt nun so ist, greifen sie und ihre Kolleginnen regelmässig zum Telefon, verschicken per Post Bildbetrachtungen und Gebete. «Viele, vor allem ältere Menschen, hadern damit, dass sie nicht wie gewohnt in die Messe gehen können. Das aussprechen zu können, tut ihnen gut. Wohltuend zu hören, ist es für sie zudem, dass wir im Gebet miteinander verbunden sind: dass man Gott auch dann nahe sein kann, wenn man nicht in der Kirche ist.»

Und: Keine Ostern feiern wie sonst jedes Jahr auf dem Höhepunkt des Kirchenjahres. «Dass es kein Osterfeuer, keine Ostermesse, bei denen man persönlich dabei sein kann, geben wird, ist hart. Ausgerechnet an Ostern! Wir ermuntern zu Alternativen: eine kleine Feier in der Familie, Kerzen anzünden, gemeinsam beten.» Dass man das Osterfest trotzdem begehen kann, zeigt die achtjährige Enkelin Aimée von Marie-Louise Beyeler: Diese hat ihr eine selbst gezeichnete Ostergeschichte geschickt, auf der letzten Seite ein helles Kreuz. Darunter hat sie geschrieben: Jesus ist auferstanden! «Meine Enkelin hat es verstanden: Ostern ist im Herzen.»

 

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1. April 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 8
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