«Wir wollen keine Mission betreiben, sondern einen Dienst tun an der Menschheit, an den Kindern.» Judith Furrer und Ricardo Fiscalini im Therapieraum einer Berner Schule. Foto: jm

Hofnarren und Prophetinnen

«Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk, der rationale Geist ist ein treuer Diener», schrieb Albert Einstein einmal und folgerte in Bezug auf unsere Gesellschaft, dass wir zwar dem Diener alle Achtung erwiesen, aber das heilige Geschenk vergessen hätten. Was bedeutet das für die Erziehung von Kindern? Judith Furrer, Religionspädagogin, und Riccardo Fiscalini, Theaterpädagoge und Therapeut, erläutern die Frage in einem interdisziplinären Gespräch.

Judith Furrer, die Leiterin der Religionspädagogischen Fachstelle der Röm.-katholischen Landeskirche des Kantons Bern, setzt sich mit ihrem Team dafür ein, dass das «heilige Geschenk» in der religiösen Erziehung nicht vergessen geht. Das will auch der Theaterpädagoge und Psychomotorik-Therapeut Riccardo Fiscalini, der nebst seiner freiberuflichen Tätigkeit als Speziallehrkraft an einer Berner Schule arbeitet. Fiscalini entwickelte ein Bewegungsritual, basierend auf einem Märchen, das als Gruppenspiel an Schulen mit Kindern (7 bis 10 Jahren) aufgeführt werden kann.

Die Parallelen fallen auf. Ob Religionsunterricht oder Bewegungsritual, beide wollen die Kräfte der Kinder schulen, ihnen positiven Selbstwert vermitteln. Das «pfarrblatt» besuchte mit Judith Furrer eine dieser Aufführungen und brachte die beiden Fachpersonen ins Gespräch.

Mit viel Spiellust schreiten, tanzen, turnen die Erstklässler durch das Märchen «Der Schatz unter dem Regenbogen». Ein traurig gewordener König muss den Schatz unter dem Regenbogen finden, damit er wieder lachen kann. Judith Furrer zeigt sich beeindruckt: «Mir sind viele Themen aufgefallen, die ich auch theologisch verorten kann. Glaubensweisheiten kann man ganz verschieden ausdrücken. Themen wie Schöpfung oder die Menschenwürde und die Suche nach dem Schatz natürlich.» Riccardo Fiscalini sieht in seinem Märchen durchaus Bezüge zu biblischen Geschichten: «Der Schatz erinnert mich an den Schatz im Acker in der Bibel. Für diesen Schatz gibt man alles hin. Es gibt im Spiel auch einen meditativen Moment, während dem die Kinder nichts tun, nur wahrnehmen. Der Schatz ist das Dasein an sich.»

pfarrblatt: Riccardo Fiscalini, Sie verbinden Psychomotorik mit Theaterpädagogik. Was will Ihr Bewegungsritual?
Riccardo Fiscalini: Mein Projekt fördert die Bewegungskoordination des Körpers. Ich möchte den Kindern ein Erlebnis schenken. Das Bewegungsritual ist eine Art Initationsreise. Ich führe die Kinder durch verschiedene Schritte der Geschichte „der Schatz unter dem Regenbogen“. Es geht um Raumwahrnehmung, rechts, links, Innenraum, Körperraum. Das ist der Aspekt der Psychomotorik. Dazu kommt das Soziale, das Gemeinsame und das Mentale. Die Kinder sollen unter anderem gemeinsam den roten Faden der gespielten Geschichte herausfinden.

Ist der Schatz unter dem Regenbogen der rote Faden?
Riccardo Fiscalini: Der Schatz erinnert mich an den Schatz im Acker in der Bibel. Für diesen Schatz gibt man alles hin. Es gibt im Spiel auch einen meditativen Moment, während dem die Kinder nichts tun, nur wahrnehmen. Trotz der dynamischen Bewegtheit finden die Kinder einige Minuten tiefe Ruhe, sind ruhig im Raum, ohne dass was geht. Hier geht es darum Wahrzunehmen, was wirklich ist. Der Schatz ist das Dasein an sich.

Judith Furrer, Sie haben das Spiel erlebt. Gingen ihnen Parallelen auf zu ihrer religionspädagogischen Arbeit? 
Judith Furrer: Mir sind viele Themen aufgefallen, die ich auch theologisch verorten kann. Glaubensweisheiten kann man ganz verschieden ausdrücken. Themen wie Schöpfung, oder die Menschenwürde und die Suche nach dem Schatz natürlich. Ich besuchte vor 25 Jahren das Lehrerseminar. Viele dieser Elemente waren damals wie selbstverständlich auf der Grundlage einer ganzheitlichen Bildung. Dass man ein solches Ritual nun einkaufen muss als Schule, ist doch bemerkenswert. Die Religionspädagogik will auch Wertesysteme unterstützen, eine ganzheitliche Bildung. Wir wollen keine Mission betreiben, sondern einen Dienst tun an der Menschheit, an den Kindern. Das spüre ich hier auch.
Riccardo Fiscalini: Albert Einstein sagt, die Intuition ist ein heiliges Geschenk, der rationale Geist ist ein treuer Diener. Unsere Gesellschaft achtet den Diener, hat aber das heilige Geschenk vergessen. Dem möchte ich entgegen steuern. Ich will Muster sprengen. Es geht nicht um etwas Rationales. Ich möchte Intuition und Kreativität ansprechen. Es sind Eigenschaften die die Kinder schon haben. Ich verstärke diese Anlagen nur.

Haben Sie in einem Bildungssystem, dass das Rationale bevorzugt überhaupt eine echte Chance mit ihrem Bewegungsritual anzukommen? 
Riccardo Fiscalini: Sicher. Die Schwierigkeiten liegen eher in den Strukturen. Schulen bekommen so viele ausserschulische Anfragen und Angebote aus ganz verschiedenen Richtungen, die gar nicht berücksichtig werden können. Die Herausforderung wird sein, ein solches Ritual, ein solch ganzheitliches förderdiagnostisches Mittel, an die Schulen zu bringen.

Dem Religionsunterricht geht es ähnlich und ihm wird ab und zu vorgeworfen, er sei zu einer Bastelstunde verkommen.
Judith Furrer: Das muss man tatsächlich differenziert anschauen. Das gibt’s, dass Religionsstunden nur noch Bastelstunden sind. Riccardo Fiscalini gibt sich in seinem Bewegungsritual bei jedem Schritt Rechenschaft: für was dient diese Übung, was soll jener Schritt auslösen? Wenn man das im Religionsunterricht nicht macht, kann sie zu einer Bastelstunde verkommen. Aber wir dürfen nicht vergessen: der Output einer Religionsunterrichtsstunde ist nicht messbar wie in einer Rechnungsstunde.
Riccardo Fiscalini: Mittels eines Beobachtungsrasters können die beteiligten Lehrkräfte das Bewegungsritual verfolgen und ihre Beobachtungen eintragen. Psychomotorik wird so messbar. Aber es gibt keine Noten, klar.
Judith Furrer: Und trotzdem: in einem Fussballtraining will ich besser werden und dieses ist messbar daran, in welcher Mannschaft ich aufgestellt werde. Daraus resultiert viel Selbstwert. Da müssen wir uns fragen, ob der Religionsunterricht oder dein Bewegungsritual, Riccardo, mithalten kann? Ein Kollege von mir hat mal gesagt, er schicke sein Kind in den Religionsunterricht, weil es im Leben einmal mit existentiellen Fragen zu tun bekommt.

Was will der Religionsunterricht heute? Einfach Glauben vermitteln?
Judith Furrer: Der Religionsunterricht soll dazu dienen, Leben zu deuten. Das Leben ist weder gerecht noch in den logischen Kategorien fassbar. Da bricht der Tod ein, oder du kannst Dich einsetzen, abrackern und das Ergebnis wird diesem Einsatz nicht gerecht. Warum trifft es die einen, die anderen nicht? Im Religionsunterricht lernen wir eine Deutung zu finden für diese Widersprüche und Grenzerfahrungen, zu lernen nicht zu resignieren und einem Umgang zu finden, der nicht nur zynisch oder arrogant wirkt. Unser Deutungsmuster ist das katholische, klar. Aber Katholisch sein ist vielfältig.

Und ihr Schatz ist die Kirche, die Frohe Botschaft, der Selbstwert des Menschen?
Judith Furrer: Je nach Situation. Ich kann ihn nicht festmachen diesen Schatz. Der Schatz hat zu tun mit zu sich selbst stehen, in der Welt stehen und mit der Wahrnehmung von Gott, auch wenn der Begriff Gott nicht mehr problemlos verwendbar ist. Der Schatz ist im Übrigen weniger wichtig für mich als die Suche danach, um diese Suche ringen.
Riccardo Fiscalini: Mein Schatz liegt unter dem Regenbogen. Die Farben des Regenbogens verweisen auf die Elementenlehre, die aus dem Osten kommt. Der Regenbogen hat eine biblische wie spirituelle Bedeutung und er ist flüchtig. In meinem Stück finden wir den Schatz, aber wir können ihn nicht in den Händen halten, ergreifen. Der Schatz ist nicht fixierbar. Ich lege nur einen Samen hin für später. Wir sprechen von zwei Welten, der Realität und der spirituellen Welt. Auf meiner Schatzsuche komme ich auch in eine Art Gottesnähe im Sinne von Einsteins Aussage über Intuition und rationalem Geist.

Heisst das, dass Sie ein glaubender Mensch sind?
Riccardo Fiscalini: Ich bin und war immer ein Suchender. Ich denke, dass der Mensch diese Veranlagungen, ob er nun ein Suchender oder ein Glaubender oder ein Atheist ist, nicht selber in der Hand hat. Diese Veranlagungen nimmt jede und jeder mit ins Leben. Wir sollten wegkommen von einem Wertesystem das einteilt in „Besser oder Schlechter“. Jede Veranlagung hat ihren Wert.
Judith Furrer: Diese Ansicht teile ich. Kommt dazu, dass Religion eine ziemlich belastete Wirkungsgeschichte hat. Es wurde und wird im Namen von Religion viel Verbrechen begangen und viel zerbrochen in den Herzen der Menschen. Es braucht sicher einen neuen Zugang zu Deutungen. Was ich nicht teile, ist die Sicht der zwei Welten. Gerade die Kritik am Wertesystem spricht davon, dass es sich nicht um zwei Welten handelt, sondern um eine. Die theologische Deutung der Welt kann nur bestehen, wenn sie im Alltag einleuchtet, also von einer Welt spricht.
Riccardo Fiscalini: So verstanden bin ich einverstanden (lacht).

Welche Stationen im Leben durchliefen Sie beide?
Riccardo Fiscalini: Ich habe sehr früh meinen Vater verloren. Das war ein grosser Einschnitt, wie eine grosse Liebe zu verlieren. Das hat mich immer beschäftigt und zum Suchenden werden lassen. Ich besuchte das Lehrerseminar, nach einer Verwaltungslehre, die mir gar nicht entsprochen hat. Im Seminar begegnete ich guten Menschen, offenen, religiösen Menschen. Ich bin heute noch dankbar für all diese Erfahrungen dort, merkte aber während des Seminars, dass ich nicht zum Lehrer berufen war. Ich folgte meinem Herzen und machte Theaterausbildungen und hatte wieder das Glück, mit Menschen zusammen zu sein, die von Innenheraus gearbeitet haben. Das war für mich wie eine Initiation. Später reiste ich nach Amerika und nach Indien. 1987 begann ich dann mit Animationstheater, setzte das um, was ich schon immer in mir spürte. Es ist wie Wasser, das fliesst, an eine Staumauer kommt und sich einen neuen Weg sucht und weiterfliesst. Ich blieb mir treu.
Judith Furrer: Die Suche nach dem, was ich wirklich bin, nach dem, was zu mir gehört, kenne ich sehr gut. Auch ich besuchte das Seminar. Ich wollte bewusst nicht ins Gymnasium, weil das Seminar für mich näher am Leben war. Nach dem Seminar wollte ich mit Menschen arbeiten, gab Religionsunterricht an der Oberstufe in Solothurn und engagierte mich in der Pfarrei. Immer mit einer inneren, kritischen Distanz. Es war noch nicht mein Eigenes. Als mir später das Buch „Credo“ von Hans Küng in die Hände fiel, begegnete ich dem Glauben, der auch mit den Leben verbunden war. Ich begann Theologie zu studieren, blieb aber immer auf der vorsichtigen Seite. Meine Mutter trat aus der katholischen Kirche aus. Weil sie die Kirche in der heutigen Gestalt nicht mehr ertrug. Ich bin keine Charismatikerin. Ich bin eher vorsichtig überprüfend: was stimmt für mein eigenes Leben, was nicht. Im Bereich Lebensberatung, Weltanschauung, Therapie ist heute ein Markt gewachsen. Wir sind ein Teil davon. Dieser Markt darf sich öffnen, aber es ist ein gefährlicher Markt, weil er Menschen auch abhängig machen kann. Er kann genauso unfrei machen wie ein katholisches Dogma. Das muss uns bewusst bleiben.

Sind Sie als Leiterin der Religionspädagogischen Fachstelle nun dort wo Sie immer hinwollten?
Judith Furrer: In dieser Aufgabe kommen meine Lehrerseminarerfahrungen, theologische Ausbildung, meine Seelsorgerinnenerfahrungen als Pastoralassistentin und meine Freude, mit Menschen zu arbeiten, ideal zusammen. Gerade in der Religionspädagogik kommt jedes Dogma auf den konkreten Prüfstand. Man kann wissenschaftliche Theologie betreiben und in theoretischen Luftschlössern entfalten, wenn man dann aber vor den Kindern und Jugendlichen steht und beispielsweise Realpräsenz und Eucharistieverständnis vermitteln will, muss das Luftschloss auf den Boden, in den Acker. Das reizt mich sehr. Beide arbeiten Sie in Systemen, die momentan nicht den besten Ruf haben. Die Kirche leidet unter Reformstau und Missbrauchsskandal, der Schule haftet der Vorwurf an, nur noch leistungsorientiert zu arbeiten und die humanistische Bildung zu vernachlässigen.
Riccardo Fiscalini: Trotz dieser Ausrichtung ist es heute möglich, die andere Seite wieder ins Spiel zu bringen. Ich habe eine Anstellung als Psychomotoriktherapeut in der Schule und werde ernst genommen. Ich empfand mich immer etwas als Hofnarr im System und deshalb gibt es in meinem Spiel auch den Hofnarren, der dem depressiven König sagt, gehe und suche den Schatz unter dem Regenbogen, dann kannst du Gesund werden. In meinem Lehrerkollegium nehme ich mich zurück. Wer Interesse hat an meiner Arbeit, mit dem gehe ich einen Weg, wer den Zugang nicht findet, bekehre ich nicht. Ich lerne von beiden.
Judith Furrer: Hofnarr ist gut. Es braucht die Prophetinnen und Propheten, die ja auch die Funktion eines Hofnarren haben. Das zeigen schon ihre Geschichten in der Bibel. Wir funktionieren zwar in gegebenen und gewachsenen Systemen, in Kirche und Schule. Die sind nicht nur schlecht. Die Aufgabe von Propheten und Hofnarren ist es, „Hallo“ zu rufen, auf Festgefahrenes, auf falsch Eingewöhntes hinzuweisen. Die allgemeine Distanz zur Kirche hat ja auch damit zu tun, dass man sich gar nicht erst auf die religiöse Ebene einlassen will. In meinem Bekanntenkreis begegne ich heute eher dem Respekt, dass ich mich dieser Kirche, dem Glauben stelle, wie alle unsere Katechetinnen und Katecheten, die mit kritischer Distanz existentielle und religiöse Fragen aufnehmen und sie neu zu deuten versuchen. Als Prophet oder Prophetin innerhalb des Systems das Mitläufertum aufzugeben zugunsten einer konstruktiven Form der Alltaggestaltung ist herausfordernd und sehr spannend. Das hat durchaus etwas Subversives, Widerständiges.
Judith Furrer: Wir versuchen den Menschen zu sagen: gehe deinen Weg, sei dich selber. Ein wichtiger Impuls von Glaube und Spiritualität. Diese Wege sind vielfältig. Ich empfand es jedenfalls bisher lebensfördernd, meinen Weg gehen zu können.
Riccardo Fiscalini: Das Wasser findet seinen Weg. Aus dem Asphalt wachsen Blumen. Was Wahr und Richtig ist, wird sich entfalten. Letztendlich ist das der Glaube an das, was Gott und Liebe hervorbrechen lassen. Wir sind ganzheitliche Wesen. Wenn es uns gelingt alle Sinne anzusprechen, können wir auch Intuition und Ratio im rechten Verhältnis leben. Der Verstand ist ein treuer Diener, der intuitive Geist das heilige Geschenk. Fast eine Predigt, Entschuldigung....(lacht)
Judith Furrer: (lacht mit) ... aber eine erträgliche. Wenn ich zu mir finde, kann ich mich für andere öffnen. Das ist die Grundlage für das Gemeinschaftliche. So kommen das Individuelle und die Gemeinschaft, das Rationale und Intuitive, Glauben und Leben zusammen.“ (Nach einer kleinen Pause schiebt sie nach) „Dazu braucht es Hofnarren und Prophetinnen.“

Interview: jm

Hinweis: Mehr Infos unter www.riccardofiscalini.ch oder auf der Website der Fachstelle Religionspädagogik.

23. August 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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