Kunst als Türöffner zur spirituellen Welt. zVg

Keine schnelle Antwort

Der Autor Friedrich Dürrenmatt schrieb einst: «Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiss, dass es sterben wird. Die Verdrängung dieses Wissens ist das einzige Drama des Menschen.»


Hundert Jahre früher arbeitete Friedrich Nietzsche an seiner Theorie des unsterblichen Übermenschen – durch Züchtung. Noch früher behauptete Descartes, der Mensch könne ewig leben, wenn nur Medizin und Technik weit genug fortgeschritten seien. Und heute? Heute scheint es, das ewige Leben im Descarteschen Sinne sei fast erreicht. Aber was würde Dürrenmatt dazu sagen?

Gemeinsam Fragen aushalten
«Passion in Ins»: Unter diesem Titel organisiert die reformierte zusammen mit der katholischen Kirchgemeinde Ins über die Ostertage eine Veranstaltungswoche zum Thema «Ende und Anfang, Werden und Vergehen, Tod und Auferstehung».

Umrahmt von Kunstausstellungen, Nacht der Klänge, Lesungen und Gottesdiensten laden die beiden Kirchgemeinden, passend zur Kar- und Osterwoche, ein zum Nachdenken: über Trauer, Verlust, Tod, aber auch über Hoffnung, Zuversicht und Leben.

Mitverantwortlich für die «Passion in Ins» ist der Theologe Eberhard Jost. Für ihn ist klar, dass man eines von der Woche in Ins nicht erwarten kann: endgültige Antworten. Es gebe zwei Möglichkeiten, wie er als Theologe mit trauernden Menschen umgehen könne, so Jost. «Die eine Möglichkeit ist, eine ganz klare Haltung einzunehmen: Wir glauben das und das, das ist die Wahrheit. Die andere Möglichkeit ist, miteinander Fragen auszuhalten.

Wie am Ostermorgen, als die Jünger zusammensitzen. Christus ist am Kreuz gestorben und begraben. Das wars. Das Ende. Wie bei jedem Todesfall: Man denkt, es werde nie wieder Morgen, die Zeit bleibe stehen – aber dann ist wieder Morgen, Sonntagmorgen, man sollte frühstücken. Und irgendetwas fehlt.
Da ist meine Rolle als Seelsorger.»

Religion muss erfahrbar bleiben
Als Theologe bekleide er nicht die Rolle des Christus, der das ewige Leben bezeuge, meint Jost. Seine Aufgabe sei es, mit anderen Menschen da zu sein. Wenn Gott sage, er sei die Auferstehung und das Leben, dann müsse dieser das selber glaubhaft machen. «Ich sehe meine Aufgabe darin, da zu sein, auszuhalten – und da kann ich dann von meinen Erfahrungen reden. Ich bin der, der fragt und mitgeht, und nicht der, der grosse Antworten hat.»

Darum sei es auch schwierig, die Religion für Menschen zugänglich zu machen, die schon lange nichts mehr mit dem lieben Gott zu tun hätten. «Mit dem Ostergeheimnis ist es das Gleiche wie mit dem Glauben allgemein: Man kann diese Dinge nicht einfach am Tisch erörtern. Wir sind eine Erfahrungsreligion. Und der Glaube wird nur weiterleben, wenn er auch erfahrbar wird.»

Wenn er das nicht sei, dann werde man an Ostern halt das machen, was erlebt werden könne: Ostereier färben, Osternest suchen, Eiertütschen. Mit der Osterbotschaft sei es dasselbe. Wenn die nicht erfahrbar sei wie das Eiertütschen – dann werde sie nicht weitergegeben.

Die Einladung, sich einzulassen auf diese Erfahrung – das sei der Hauptgedanke hinter der Passion in Ins. Bei der Religion allgemein und der Osterbotschaft im Besonderen gehe es um ein tieferes Verständnis des Lebens. Und ein wichtiger Weg dahin sei der Zugang über die Trauer. «Die Trauer kennt jeder – von klein auf.»

Kunst als Türöffner
«Paul Klee meinte, Kunst gebe nicht das Sichtbare wieder, sondern mache Unsichtbares sichtbar. Das ist für mich die Rolle der Kunst in der Passion in Ins. Unsere innere Zerrissenheit, unsere Sehnsucht, Fantasie, Enttäuschungen – das wird ausgedrückt in der Kunst», meint Jost. Kunst sei ein Türöffner zur spirituellen Welt.

Die Blumenkunstwerke von Beatrix Chopard versuchen, dieser Türöffner zu sein – um Werden und Vergehen sichtbar zu machen. Zusammen mit keramischen Kreationen von Nathalie Heid können sie im Rahmen einer Ausstellung besichtigt werden. Blumen spielen auch im Prozess des Werdens eine Rolle, wenn es auf Ostern zugeht.

Das erneute Spriessen der Natur wird in der Kirche in Ins sichtbar. Nach einer Prozession, bei der sich die Kirche mit Blumen füllt, soll unter dem Kreuz ein blühender Teppich leuchten – das Leben, das sich durch den Tod hindurch einen Weg bahnt.

Raum für Trauer schaffen
So schwierig es ist, zu trauern, so schwierig ist es auch, mit trauernden Menschen umzugehen. Die Hilflosigkeit, mit der wir Trauernden oft begegnen, wenn wir merken, dass wir weder durch Worte noch Vernunft Linderung verschaffen können, ist bedrückend. Was soll ich sagen? Soll ich Mitleid zeigen, Mitgefühl? Wie und vor allem wann kann ich anregen, die Trauer hinter sich zu lassen? Und wann muss ich einfach Raum geben, um Schmerz zuzulassen und zu verarbeiten?

Zentral sei für ihn, so Jost, dass die Menschen, die die Passion besuchten, das Erlebte weitertragen. Dass sie später vielleicht in der Lage seien, im privaten Rahmen, wenn Freunde trauern oder Familienmitglieder, Raum zu schaffen, wo die Trauer verarbeitet werden könne. Dass die Angst weniger werde, jemanden auszuhalten, der gerade trauert.

«Durch die persönliche Betroffenheit und Offenheit während einer solchen Woche kann dieses Gefühl weitergegeben werden, dass es okay ist, wenn man trauert; weil es eben keine schnelle Antwort gibt.»

Sebastian Schafer

Details und Programm: www.passion-in-ins.ch

Pfarreizentrum Ins

 

 

21. März 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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