Nicolas Betticher fordert eine Änderung des Kirchenrechts. Foto: Ruben Sprich

Betticher an Papst: «Setzen Sie ein Zeichen!»

Nicolas Betticher schreibt Brief an Papst

Nicolas Betticher, Pfarrer in der Berner Pfarrei Bruder Klaus, bittet Papst Franziskus um ein Zeichen in Sachen Missbrauch: Eine Entflechtung der Ämter durch unabhängige Gerichte. Dies schreibt er in einem Brief an den Papst, den alle unterzeichnen können.

von Sylvia Stam

Anlass des Schreibens ist der weltweite synodale Prozess, der am 9. Oktober in Rom gestartet ist und in den Bistümern der Schweiz am kommenden Sonntag offiziell starten wird. In der Deutschschweiz gibt es dazu eine Kampagne unter dem Motto «Wir sind Ohr». Auch Nicolas Betticher ist mit seiner Pfarrei bereit, an diesem Prozess teilzunehmen, schickt jedoch ein «Aber» voran:

«Sobald wir mit Mitchristen über die Kirche und den synodalen Prozess sprechen, kommt unmittelbar das Missbrauchsthema an erster Stelle. Es überschattet die ganze Synode!», heisst es in dem Schreiben, das in der Kirche Bruder Klaus in Bern aufliegt und auf der Pfarrei-Website aufgeschaltet ist. Statt des Evangeliums rücke dieses «furchtbare Thema» immer ins Zentrum. Das hängt laut Betticher damit zusammen, dass «die Kirche keine wesentlichen tiefgreifenden Antworten auf den Machtmissbrauch aller Art in der Kirche gibt.» Erschreckendes Beispiel ist die jüngste Studie aus Frankreich, wonach es seit 1950 330’000 Missbrauchsfälle durch kirchliche Mitarbeitende gegeben hat.

Strukturen ändern

Der Berner Pfarrer bittet daher den Papst um ein konkretes Zeichen, «dass wir die Strukturen der Kirche» ändern müssen. Betticher fordert eine Gesetzesänderung, die unabhängige Gerichte und Aufsichtsbehörden ermögliche. «Das würde die Bischöfe entlasten und der Kirche eine gewisse Glaubwürdigkeit zurückgeben.»

Auf Nachfrage des «pfarrblatt» erläutert er: «Die Struktur der Kirche ist heute so, dass der Bischof durch seine Weihe gleichzeitig oberster Richter, oberster Gesetzesgeber, Exekutive und spiritueller Vater ist. Wenn nun ein Missbrauchsfall in seinem Bistum eintrifft, muss er also gleichzeitig die Untersuchung einleiten, das Urteil fällen, dieses umsetzen und dann auch noch ein spiritueller Vater sein. Das kommt nicht gut.»

Unabhängige Gerichte

Aus diesem Grund schlägt Betticher dem Papst vor, das Kirchenrecht beim Umgang mit Missbrauchsfällen dahingehend zu ändern, dass er für jede Bischofskonferenz weltweit unabhängige Gerichte einführt. Diese wären direkt dem Papst unterstellt und damit unabhängig von den einzelnen Bischöfen. «Diese Gerichte könnten mit Laien, Frauen und Männern, besetzt sein, die in eigener Regie walten könnten und also über das Verhalten des Bischofs urteilen müssten. Dadurch würden die Bischöfe entlastet.»

Betticher weiss, wovon er spricht: Er war 12 Jahre lang im Dienst von Bischof Bernard Genoud (Freiburg, Lausanne, Genf) tätig, zuerst als Offizial (Vorsteher der Kirchengerichts), später als Generalvikar. «Ich habe gesehen, wie der Bischof darunter gelitten hat, dass diese Ämter nicht entflochten waren.»

Kleines Zeichen

Der Brief von Nicolas Betticher an den Papst kann auf der Pfarrei-Webseite unterschrieben werden. Bislang hätten das 20 Personen gemacht. Es sei nur ein kleines Zeichen, so Betticher, «aber Papst Franziskus möchte, dass wir alle kleine Zeichen setzen.»

Den Synodalen Prozess hält er dennoch für wichtig: «Wir müssen an der Basis mitmachen, mitdenken, mitreden und dabei auf den Heiligen Geist hören. Ich erwarte, dass das Volk Gottes endlich aufsteht und sagt, wie es mit der Kirche weitergeht!» Denn die Missbrauchsfälle seien nur «ein Symptom für Probleme innerhalb des Systems Kirche. Die Ämter müssen aufgeteilt werden», sagt Betticher. Erst dann, so endet der Brief, sei eine Synode, wie der Papst sie wünsche, möglich.

Betticher wird den Brief an Bischof Felix Gmür weiterleiten mit der Bitte, diesen Papst Franziskus zukommen zu lassen, zum Beispiel während des Ad-limina-Besuchs im November, wie er gegenüber kath.ch sagte.

Über das Vorgehen beim Synodalen Prozess entscheidet die Pfarrei am kommenden Dienstag. Schon jetzt gebe es aber eine Klagemauer, wo Gläubige ihre Klagen und Wünsche deponieren könnten. Diese würden dann sonntags im Gottesdienst jeweils aufgenommen, sagt Betticher.