Das Team der Fachstelle für Sozialarbeit bereitet den Flüchtlingstag mit Yangchen (Foto), Yeganeh, Freiwilligen, Vertretenden von NGOs und den reformierten und katholischen Kirchen vor.

Flüchtlingstag: Beim Namen nennen

Zeichen setzen gegen die Ausgrenzung von geflüchteten Menschen und gegen das Vergessen.

Die Krisen, welche die Welt aktuell bewegen, haben bis Mitte 2020 über 80 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Seit 1993 sind mehr als 44 000 Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder, Babys beim Versuch, Europa zu erreichen, gestorben. Daran erinnert die Fachstelle Sozialarbeit der Katholischen Kirche Region Bern zum Flüchtlingstag.

Von Béatrice Panaro, Carolina Hutmacher und Giulia Cacciatori, Fachstelle für Sozialarbeit der Katholischen Kirche Region Bern

Papst Franziskus hat im Oktober 2016 in der Heydar-Aliyev-Moschee in Baku, Aserbaidschan, an die berührende Geschichte aus dem Lukas-Evangelium (Luk 19,33) erinnert: «Ein Samariter auf der Reise fand einen Verletzten auf seinem Weg; er sah ihn und hatte Mitleid.» Wie Jesus es uns bezeugt, bedeutet Mitleid, das Leiden anderer wahrzunehmen und unverzüglich Massnahmen zur Linderung, Heilung und Rettung zu ergreifen. Mitleid zu haben bedeutet, der Zärtlichkeit Raum zu geben. Es geht dabei um unsere Menschlichkeit … Sich den anderen zu öffnen, macht nicht ärmer, sondern es bereichert, denn es hilft, menschlicher zu sein: sich als aktiven Teil eines grösseren Ganzen zu erkennen und das Leben als ein Geschenk für die anderen zu verstehen; als Ziel nicht die eigenen Interessen zu betrachten, sondern das Wohl der Menschheit.

Tod und Elend auf der Flucht

Die meisten Menschen auf der Flucht sterben im Mittelmeer, andere an Grenzübergängen. An den Aussengrenzen Europas und in Nordafrika leben aktuell hunderttausende Menschen in erbärmlichen Flüchtlingscamps. Die Welt, Europa und die Schweiz schauen zu, obwohl sie an den Fluchtursachen beteiligt sind. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation zusätzlich.

  • „Zuhause ist nicht der Ort, an dem du geboren bist. Zuhause ist der Ort, an dem alle Fluchtversuche aufhören." Naguib Mahfouz

In der Asylberatung der Fachstelle Sozialarbeit der Katholischen Kirche Region Bern begegnen wir Menschen, die während ihrer Flucht ihr Leben riskiert haben, das Sterben von Weggefährten miterlebt haben. In der Schweiz haben sie ein Asylgesuch gestellt und einen rechtskräftigen Wegweisungsentscheid erhalten, der nicht vollziehbar ist. Das bedeutet eine jahrelange Perspektivlosigkeit.

In Gesprächen drücken diese Menschen ihre Dankbarkeit aus, weil Gott sie gerettet, am Leben erhalten hat. Mit Würde geben sie auch zu verstehen, dass Leben mit Nothilfe unerträglich ist:

«Seit sechs Jahren bin ich in der Schweiz. Ohne Deutschkurse habe ich die Sprache gelernt, ich habe viele Freunde. Mein Leben ist hier und nicht im Iran. Wenn ich an die Zukunft denke, komme ich mir wie im Gefängnis vor.
»

«Unsere Kinder sind hier geboren und sprechen kaum Tamilisch sondern Schweizerdeutsch. Sie wachsen mit viel Stress auf, da sie unseren Kampf gegen die Entscheidungs- und Vollzugsbehörden miterleben müssen.
»

«Meine Kollegin aus Äthiopien muss mit ihren Kindern in einem Rückkehrzentrum leben, weil sie ihren Partner und Vater der Kinder wegen fehlenden Papieren nicht heiraten kann.»

Und wenn ich es wäre?

Das Team der Fachstelle für Sozialarbeit bereitet den Flüchtlingstag mit Yangchen, Yeganeh, Freiwilligen, Vertretenden von NGOs und den reformierten und katholischen Kirchen vor. Dazu gehört am Samstag, 19. Juni, von 11.15 bis 11.45 auch ein Cercle de Silence – ein Schweigekreis – auf dem Bahnhofplatz Bern: Ein Zeichen gegen die Ausgrenzung von geflüchteten Menschen und das Vergessen. Wir fragen: «Und wenn ich es wäre?» Sind nicht alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren? So heisst es im ersten Artikel der Erklärung der Menschenrechte. Folgendes Zitat aus dem Golestān von 1259 steht in der Eingangshalle des UNO-Hauptquartiers in New York:

  • «Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
    als Glieder eines Leibs von Gott erdacht.
    Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
    dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
    Ein Mensch, den nicht die Not der Mitmenschen rührt,
    verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.»

     

Beim Namen nennen
Aktivitäten und Veranstaltungen zum Flüchtlingstag, Mitmachen von zu Hause oder vor Ort: Sa, 19. Juni, 12.00, bis So, 20. Juni, 12.00, Heiliggeistkirche Bern.
Weitere Infos: www.beimnamennennen.ch

Lesen Sie hier den Bericht über Medienkonferenz zur Aktion «Beim Namen nennen»