Jacqueline Keune lebt als freischaffende Theologin in Luzern. Foto: zVg

Nichts geschenkt

Jacqueline Keune in der Weihnachtsserie «geschenkt»

Es gibt Geschenke, die beleidigen und solche, die man bis ans Lebensende bei sich haben möchte, sagt Jacqueline Keune. Ein Beitrag zur Weihnachtsserie «geschenkt».

von Jacqueline Keune*

«Es gibt Geschenke, nicht wenige, die organisiert die Pflicht – emotionsfrei und termingerecht, die werden vorgängig per SMS abgestimmt, damit es keine Überraschungen gibt. Es gibt Geschenke, die haken den Geburtstag und die Weihnacht ab, die sind Teil eines Warenaustausches, die werden von einem  immer mehr aus dem Ruder laufenden Gabenkarussell abgeworfen – schöne Bescherung.
Es gibt Geschenke, die beleidigen, die beschämen die Beschenkten und lösen Gefühle der Schuld in ihnen aus. Die führen Überlegenheit vor, die nehmen in  Pflicht, die zwingen in Dankbarkeit und lassen Menschen wie Loser aussehen.
Es gibt gar Geschenke, welche die Bedachten in einem Mass verletzen, dass sie den Riesenblumenstrauss in keine Vase stellen können, dass sie ihn nicht  einmal in ihrem Papierkorb ertragen, sondern dass ich ihn sofort nach Erhalt in den Fluss vor dem Haus werfen muss, damit ihn dieser ins weit entfernte  Schwarze Meer tragen kann.

Und dann gibt es Geschenke, die man bis an sein Lebensende bei sich haben möchte, die an die Geburtsstunde der Freude rühren und das Herz zum  Überlaufen bringen, weil sie spüren lassen, wie lieb uns einer hat und wie sehr eine unser Glücklich-Sein wünscht. Etwa das Glück von Papas altem Brieföffner, einer Schreibfeder aus Silber, mit der wir als Kinder nie spielen durften, die er wie seinen Augapfel gehütet und mir zum 50. Geburtstag  geschenkt hat.
Oder das Glück des bemalten Gänseeies, das mir Elisabeth, Maria, Marius, Monika, Theres und Vreny, die mich immer neu aus viel Enge gerettet, zum  Abschied von meiner ersten Pfarreistelle geschenkt haben. Durch die Längsseite des Eies haben sie eine Achse geführt, an deren Mitte ein langer schmaler Papierstreifen befestigt ist, auf dem die sechs ihre Wünsche für mich hingeschrieben haben. Das Segensband lässt sich durch einen schmalen Schlitz aus dem Ei heraus- und mit einer kleinen Kurbel an der Achse wieder auf diese aufrollen und ins Innere hineinziehen.
Oder das Glück des seidenglatten Handschmeichlers, den mir mein Lebensgefährte heimlich aus einem Stück Arve geschliffen hat,damit mir der beruhigende  Duft des Holzes durch die langen Tage und Nächte in der Klinik helfen und mich an all die gemeinsamen sorglos-leichten Engadintage erinnern sollte. Man bekommt in diesem Leben nichts geschenkt.
Welch ein Irrtum.»

* Jacqueline Keune lebt als freischaffende Theologin, Autorin und Redaktorin in  Luzern


Hier geht’s zur ganzen Weihnachtsserie «geschenkt».