Der 87-jährige Jesuitenmissionar hat Projekte in Indien, Sri Lanka, Afghanistan, Osttimor und Kambodscha begleitet und aufgebaut. Bei einem Besuch der Katholischen Kirche Region Bern erzählt er, warum gute Entwicklungszusammenarbeit vor allem eines leisten muss: Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Leben selbst zu gestalten.
Christian Geltinger
Wussten Sie, dass das Leben als Missionar eine ausgesprochen positive Wirkung auf Wohlbefinden, Zufriedenheit und Lebenserwartung haben könnte? Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man Bruder Noel begegnet. Klein und drahtig, agil und voller Tatendrang, offen und noch immer visionär sitzt der 87-Jährige in der Geschäftsstelle der Katholischen Kirche Region Bern. Das Rezept seiner bemerkenswerten Vitalität scheint einfach: der Dienst am Nächsten, dem sein Leben seit frühester Jugend gewidmet ist.
Selbst ein Kind der Jesuitenmission
Bruder Noel ist gewissermassen selbst ein Kind der Jesuitenmission. Der Bildungsarbeit des Ordens verdankt er seine Ausbildung. In seiner Heimat Indien waren damals auch Missionare aus Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig. Deshalb versteht er bis heute erstaunlich gut Deutsch.
Begleitet wird er bei seinem Besuch von seiner Schwester, die in der Nähe von Ulm lebt. Gemeinsam besuchen sie verschiedene Organisationen, die seine Arbeit unterstützen. Mit der Katholischen Kirche Region Bern und den Mitgliedern der Kommission für globale Solidarität verbindet Bruder Noel eine jahrzehntelange Beziehung. Die persönlichen Besuche sind für ihn Ausdruck der Dankbarkeit – und zugleich eine Gelegenheit zu zeigen, was mit den zur Verfügung gestellten Mitteln erreicht werden konnte.
Prägend waren für ihn schon während seiner Ausbildung Begegnungen mit Schweizer Jesuiten. Einer von ihnen war der 1924 im Wallis geborene Pater Hermann Bacher. Er wurde zu einem Pionier der Entwicklungszusammenarbeit in Indien. Im Distrikt Ahmednagar entwickelte Bacher ein System, mit dem Regenwasser an Berghängen aufgefangen und am schnellen Abfliessen gehindert wurde. Damit konnte Wasser länger im Boden gehalten und die landwirtschaftliche Nutzung verbessert werden.
Für Bruder Noel war die Begegnung mit Bacher eine Art Initiation. Sie vermittelte ihm eine Idee, die seine eigene Arbeit bis heute prägt: Entwicklung beginnt nicht mit fertigen Lösungen, sondern mit der Frage, was Menschen vor Ort benötigen und was sie selbst daraus machen können.
Immer wieder neue Lösungen
Seit mehr als 60 Jahren ist Bruder Noel als Missionar tätig. Er war an Projekten in Indien, Sri Lanka, Afghanistan und Osttimor beteiligt. Besonders eng ist sein Name jedoch mit Kambodscha verbunden.
Wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier erzählt keiner, der sich mit dem Erreichten zufriedengibt. Bruder Noel ist ein Praktiker. Einer, der anpackt, ausprobiert und weiterdenkt. Stillstand bedeutet für ihn Rückschritt. Neue Situationen verlangen neue Antworten – und eine einmal gefundene Lösung ist selten das Ende, sondern meistens der Ausgangspunkt für die nächste Idee.
Dabei zieht sich ein Prinzip durch seine Arbeit: Hilfe zur Selbsthilfe. Denn Unterstützung soll Menschen nicht dauerhaft abhängig machen. Sie soll ihnen ermöglichen, selbst zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und ihre Lebensbedingungen aus eigener Kraft zu verbessern.
Von Rollstühlen, Reis und Kühen
Besonders anschaulich wird dieses Prinzip in Kambodscha. Seit 1980 engagieren sich Jesuiten für benachteiligte Menschen aus dem Land – zunächst für Geflüchtete in Lagern in Thailand, später in Kambodscha selbst. Heute arbeiten dort Jesuiten aus verschiedenen asiatischen Ländern gemeinsam mit einheimischen Mitbrüdern.
Zu Beginn kümmerte sich der Jesuit Refugee Service (JRS) unter anderem um Menschen, die durch Landminen schwer verletzt worden waren. Bildung sollte ihnen neue Perspektiven eröffnen. Daraus entwickelten sich weitere Projekte. Menschen mit Behinderungen begannen beispielsweise, Rollstühle für andere Menschen mit Behinderungen zu bauen. Ein naheliegender Gedanke mit grosser Wirkung: Wer könnte besser wissen, was ein guter Rollstuhl im kambodschanischen Alltag leisten muss, als diejenigen, die selbst darauf angewiesen sind?
Auch in der Landwirtschaft ging Bruder Noel neue Wege. Ein nachhaltigeres System des Reisanbaus sollte insbesondere Kleinbauern helfen, ihre Erträge und damit ihr Einkommen zu steigern.
Ein anderes Projekt funktioniert nach einem verblüffend einfachen Prinzip: Eine Bauernfamilie erhält eine Kuh. Das erste und dritte Kalb gibt sie weiter, das zweite und die folgenden darf sie behalten. Die weitergegebenen Tiere ermöglichen wiederum anderen Familien den Aufbau einer eigenen Existenz. Aus einer Kuh wird so nach und nach die Lebensgrundlage für viele.
Es sind solche Modelle, die zeigen, wie Bruder Noel Entwicklungszusammenarbeit versteht: Ressourcen werden nicht einfach verteilt. Sie werden so eingesetzt, dass aus Unterstützung neue Selbstständigkeit entsteht.
Wenn Kambodscha plötzlich ganz nah ist
Und Bruder Noel denkt weiter. Ein aktuelles Projekt richtet den Blick auf ältere Menschen. Der Hintergrund ist eine Entwicklung, die auch aus Europa bekannt ist: Junge Menschen verlassen die ländlichen Regionen und ziehen in die Städte. Zurück bleiben Eltern und Grosseltern, die im Alltag zunehmend auf sich allein gestellt sind. Ihnen fehlt es nicht nur an praktischer Unterstützung, sondern häufig auch an sozialen Kontakten.
Spätestens hier wirkt das weit entfernte Kambodscha plötzlich gar nicht mehr so fremd. Denn Einsamkeit im Alter, gesellschaftliche Teilhabe und die Frage, wie Menschen möglichst lange selbstbestimmt leben können, beschäftigen auch die Schweiz – und damit die Katholische Kirche Region Bern.
Die Ausgangsbedingungen mögen unterschiedlich sein. Die grundlegende Frage aber ist dieselbe: Was braucht ein Mensch, um sein Leben in Würde und möglichst selbstbestimmt führen zu können?
Bruder Noel sucht seit mehr als sechs Jahrzehnten nach Antworten darauf. Fertig ist er damit noch lange nicht. Wer dem 87-Jährigen begegnet, hat jedenfalls nicht den Eindruck, dass er vorhat, die Hände in den Schoss zu legen.