Weiterbildung 2 (1)

Einheit in Vielfalt

Die Mitarbeitenden des Pastoralraums Bern kamen zu einer zweitägigen Weiterbildung zum Thema "Interkulturelle Kompetenzen in der Pastoral" zusammen.

Interkulturalität ist eine Realität in der Katholischen Kirche der Schweiz. Dieses Faktum, das Isabel Vasquez, Direktorin von migratio Schweiz, gleich zu Beginn ihres Referats unmissverständlich in den Raum stellt, ist eine der unumstösslichen Kernaussagen der zweitägigen Weiterbildung der Mitarbeitenden des Pastoralraums zum Thema “Interkulturelle Kompetenzen in der Pastoral”.

Rund 40% der Schweizer Katholik:innen haben einen Migrationshintergrund. Deshalb haben die Schweizer Bischöfe das Thema der Pastoral von Menschen mit Migrationshintergrund zur Chefsache erklärt und eine nationale Dienststelle dafür eingerichtet. Migratio beschäftigt sich mit der Aufnahme und Integration von Gemeinschaften mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln, darunter unter anderem auch Gruppen wie Fahrende. Denn leider gibt es nach wie vor viele Berührungsängste mit anderssprachigen Gemeinschaften und Missionen, die häufig auf kulturellen und/oder spirituellen Unterschieden beruhen.

Die Sprache des Glaubens ist international

Isabel Vasquez, die selbst spanische Wurzeln hat, nennt hierfür ganz einfache, eher harmlose Beispiele. “Als meine Oma erlebt hat, dass ich einen Bischof duze, hat sie mich geschimpft.” Auch die Formen von Frömmigkeit sind neben dem Priesterbild in anderssprachigen Gemeinschaften gelegentlich anders ausgeprägt, was von Menschen, die sich für “viel weiter” halten, oft als frömmelnd empfunden wird. Eines der grössten Vorurteile ist die angebliche Ghettoisierung von anderssprachigen Gemeinschaften. Ein häufig angeführtes Hindernis sei hier die Sprachbarriere. Aber lebt Glaube nicht auch von nonverbaler Kommunikation? Ist die Sprache des Glaubens nicht spätestens seit dem Pfingstwunder international? Ist es für eine:n praktizierende:n Katholik:in nicht möglich, einem Gottesdienst zu folgen, egal in welcher Sprache er abgehalten wird? Ist das Volk Israel nicht seit jeher auf dem Weg und gibt uns die Bibel nicht klare Antworten auf Exilerfahrung und das Bürgerrecht, wie Detlef Hecking, Pastoralverantwortlicher des Bistums Basel, in seinem Referat ins Gedächtnis ruft? Ist es daher also nicht immer wieder nötig, Gewohntes auf den Prüfstand zu stellen und offen zu sein für Veränderung?

Vielfalt als Reichtum und Ressource

Wichtig ist, die Vielfalt der Katholischen Kirche in der Schweiz als Reichtum zu erfahren und als Ressource zu nutzen. Hier sind vor allen Dingen wir als “Gastland” gefragt. Denn Menschen mit Migrationserfahrung tragen auf unterschiedliche Art und Weise das Trauma des Fremdseins in sich, oft bis in die dritte Generation hinein. Daher suchen sie im pastoralen Leben die Bindung zu ihrer eigenen Sprachgemeinschaft, zu ihren kulturellen und spirituellen Traditionen. Der Glaube ist für sie ein Stück verlorene Heimat. 

Auch wenn es unabdingbar ist, dass beide Seiten sich öffnen und aufeinander zugehen, ist Integration im spirituellen Bereich - ähnlich wie in jedem interkulturellen Kontext - eine Sache, die ein hohes Mass an Sensibilität erfordert. Das Wort “Anpassung” ist hier ein absolute No go. Vielmehr ist ein behutsames aufeinander Zugehen notwendig, um Klischees aus dem Weg zu räumen und in einen konstruktiven Austausch zu kommen, ohne die Unterschiede zu nivellieren.

Raus aus der Komfortzone

Vielleicht - so die Erkenntnis der Tagung - sind es die kleinen Schritte, die Veränderung herbeiführen. Hier geht es darum, die Bedürfnisse der anderssprachigen Gemeinschaften ernst zu nehmen, etwa bei der Gottesdienstplanung oder der Vergabe und Gestaltung von Räumen. Gemeinsame Begegnungen schaffen Vertrauen, divers besetzte Gremien erzeugen das Gefühl von Mitbestimmung. Vor allem in der zweiten und dritten Generation sieht Isabel Vasquez ein grosses Potential. Wer schon einmal die Sprache gelernt hat und hier sozialisiert wurde, dem fällt es auch leichter, an die Erfahrungswelt von gleichaltrigen Schweizer:innen anzuknüpfen. Daher liegt in der Pfarrei übergreifenden Jugendarbeit eine grosse Chance.

Der Eindruck der Tagung zeigt ein unterschiedliches Bild. Wir sind in vielen Dingen weiter, als man denkt. Der Wille zu einer interkulturellen Pastoral ist da. Oft sind es nur die gewohnte Praxis und der Mangel an Zeit und Personal, die uns daran hindern, den nächsten Schritt zu gehen. Vielleicht auch die Angst, das eine oder andere Gemeindemitglied auf diesem Weg zu verlieren. Daher ist Integration eine Sache, bei der wir alle gefordert sind, Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Gemeindemitglieder auf beiden Seiten. Es gilt also für uns alle, raus zu gehen aus unserer Komfortzone. Vielfalt ist eine Ressource, sie erfordert aber auch ein Invest.

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