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Braucht es Kirche heute noch?

Besonders junge Menschen stellen viele Fragen, warum und ob es Kirche im 21. Jahrhundert wirklich noch braucht.

von Elsbeth Caspar
Foto: iStock

Während im Moment viele aus der Kirche austreten, gibt es immer wieder und zunehmend junge Menschen, die ein Eintrittsgesucht schreiben. Sehnsucht nach spiritueller Verwurzelung? Hort gegen die böse Welt?

Junge Leute haben mir dazu Folgendes erklärt: Unter vielen jungen Menschen macht sich ein Überdruss über die bestehende Gesellschaft breit. Der Konsum vermag längerfristig nicht zu befriedigen. Er fühlt sich schal und leer an.  Die Wirtschaftsmaschinerie fährt perspektivenlos ins Leere. Die Weltpolitik erzeugt bar jeder Ethik Ekel. Die Dominanz der Geldlogik und des Kapitalismus unterwerfen immer klarer sämtliche Bereiche des Lebens und zeigen immer mehr die wahre Fratze. Wie soll denn hier erfülltes Leben möglich sein?

Da bietet die Kirche eine Alternative. Sie steht für Werte und bietet Ordnung und Sicherheit an.

Hat Jesus eine institutionelle Kirche wollen?

Ob Jesus eine institutionelle Kirche gewollt hat, darüber streiten sich Theologien und Kirchenleute. Ich persönlich bin überzeugt, dass Jesus immer neu, in jeder Kirche oder in jeder kirchlichen Organisation, mahnt: Verstrickt euch nicht in den Ämtern und Hierarchien, in den dazugehörigen Privilegien und in einer absolut gesetzten Lehre. Haltet euch nicht beim Äusseren auf, sondern haltet den Kern des Reiches Gottes wach.  Es geht darum, wie die Bibel sagt, den «Wille Gottes» zu tun und diesen Glauben für die Welt, zusammen mit anderen ins Leben zu bringen: persönliche und gesellschaftliche Dämonen zu vertreiben, Kranke zu heilen, die Vision der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes aufrechtzuerhalten und die Botschaft, dass Gott allen Menschen gut ist bekannt zu machen (Lk. 9,1-6/Lk.10, 1ff).

Wie soll Kirche organisiert sein? Welches Ziel hat sie?

Eine Bewegung braucht eine äussere Gestalt, sonst zerfällt sie. Es zeigt sich an verschiedenen Orten in den Evangelien: die Bewegung um Jesus und die kleine Gruppe der Weg-Leute* dachte freier als die damalige Glaubens-Gesellschaft und widersetzte sich den Aufspaltungen der herrschenden Ordnung. Die Frauen - so sehen wir in den frühen Schriften - sprachen dort mit und hatten wichtige Ämter. Der Apostel Paulus ist in seinen Texten teils noch in einem damaligen Organisations- und Geschlechtermodell (1 Kor, 14,26ff) verwurzelt, aber zugleich stellt er es kraftvoll in Frage (Gal 3). Es ist wichtig, die Kirche so zu organisieren, dass sie von Menschen in ihrer Zeit verstanden wird. Kirche und ihrer Vorschriften sollen dem Leben der Menschen dienen. Die äussere Gestalt müssen wir – wie Paulus – für unser Heute definieren und allenfalls verändern.

Manche lieben die Kirche gerade deshalb, weil sie eine herkömmliche Ordnung mit festgefügten Rollenzuschreibungen aufrechterhält. So erfüllt sie die Sehnsucht mancher, einen sicheren Hort zu finden. Jedoch: eine Ordnung dient dem Leben – nicht umgekehrt. Dies war einer der grossen Konfliktpunkte, die Jesus mit den damaligen religiösen Autoritäten ausfocht. Für ihn war klar: «Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen (Matthäus 5,18). Aber dieses Gesetz bezieht sich auf den inneren Sinn des Gesetzes, und gerade nicht auf die äusserliche Ordnung. Nur der Bezug auf den inneren Sinn - die Orientierung am Reich Gottes - bietet Sicherheit und Perspektiven, die unverbrüchlich sind. Auch heute.

*Weg-Leute: ‘Die Leute vom Weg’, so wurden die ersten Jesu - Nachfolgenden genannt

 

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