Interview: Anouk Hiedl
«pfarrblatt»: Als Regionalverantwortliche vertreten Sie Bischof Felix Gmür auch im Kanton Bern. Was hat Sie in Ihrer Zeit als Ansprechperson für Landeskirche, Caritas und Spezialseelsorge am meisten überrascht?
Edith Rey Kühntopf: Wie viele Menschen mit und ohne Migrationshintergrund mit Kraft und Freude das kirchliche Leben vielfältig mittragen und wie wichtig die Unterstützungsangebote im Bereich Diakonie für bedrängte Menschen sind.
Tun die Pfarreien genug für Benachteiligte?
Rey Kühntopf: In Anbetracht aller Fragen und Probleme kann man für Benachteiligte nie genug tun. Es braucht Wachsamkeit dafür, wo die Präsenz der Kirche nötig ist. Es ist eine ihrer Stärken, in Lücken zu springen und für Menschen da zu sein, die vergessen gehen – die ersten Spitäler zum Beispiel waren kirchliche Einrichtungen.
Im Bistum Basel ist Diakonie ein Schwerpunkt in den Pastoralraumkonzepten. Dazu erwartet Bischof Felix Ideen und Taten. Ein Beispiel dafür auf kantonaler Ebene ist die Asylseelsorge. Dass wir in den Bundesasyl- und Rückkehrzentren ökumenisch und interreligiös Seelsorge aufbauen konnten, ist grossartig und für die betroffenen Menschen immer wieder ein Hoffnungsanker. Lokal werden entsprechende Begegnungsorte und Unterstützungsprojekte lanciert.
Die Kirche steht unter grossem Veränderungsdruck. Wo haben Sie Wegbereitendes erlebt?
Rey Kühntopf: Als wegbereitend sehe ich, dass Menschen wieder vermehrt lernen, nicht vorschnell und vorlaut eigene Positionen zu zementieren, sondern einander zuzuhören. So können eine gemeinsame Haltung und ein neuer Zugang entstehen, mit Blockaden und Engpässen umzugehen. Das sind keine spektakulären, schnellen und grossen Würfe, sondern Schritte, bei denen sich Menschen gehört, mitgenommen und respektiert fühlen. Daraus können Haltungsänderungen entstehen, zum Beispiel wenn Sprachgemeinschaften gelernt haben, regelmässig auf Augenhöhe miteinander zu feiern und dies als Gewinn erfahren.
Gerade im interkulturellen Zusammenleben ist das ein Segen. Mit dieser Umgangsart wurde auch an der Synode in Rom gearbeitet – sie zieht Kreise und wirkt befreiend, weil sie Menschen in ihrer Würde ernst nimmt. Der Pastoralraum Bern Oberland ist mit einer jährlichen Weiterbildung für eine verändernde Art von Umgang, Gespräch und Lösungsfindung ähnlich unterwegs.
Wann bleiben Reformen blockiert?
Rey Kühntopf: Wenn der Dialog verweigert wird, eine Seite immer schon weiss, wie es richtig ist, der gute Wille abgesprochen oder mit Druck und Macht gearbeitet wird.
«Im Bereich Diakonie erwartet Bischof Felix Ideen und Taten.»
Bischof Felix Gmür setzt im Bistum Basel seit Längerem Frauen in Leitungsfunktionen ein. Haben sich die männerdominierten Machtstrukturen dadurch wirklich verändert?
Rey Kühntopf: Ich glaube nicht, dass es nur symbolisch ist, dass wir einige Frauen in der Bistumsleitung sind. Ein Drittel des Bischofsrats sind Frauen. Das gibt uns die Möglichkeit, Themen wie die Rolle der Frauen in der Pastoral und Liturgie oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie deutlich zur Sprache zu bringen.
Es ist auch nötig, Sorge zu tragen, dass Frauen in die Leitungsfunktionen kommen. Bischof Felix schätzt und fördert unsere Arbeit sehr, doch es braucht auch Frauen, die sich diese Aufgaben zutrauen und zumuten. Deshalb freut es mich, dass sich das Bistum Basel bei einem Mentoring-Programm beteiligt, das Frauen für Leitungsaufgaben ermutigt und stärkt.
Von 2021 bis 2023 wurden im Kanton Solothurn nahezu die Hälfte der Pastoralräume von Frauen geleitet. Als Regionalverantwortliche konnte ich einiges dazu beitragen, indem ich Frauen ermutigte, ihre Leitungskompetenzen und Qualitäten nicht kleinzureden und sich zu bewerben. Das hat mich echt gefreut!
Was hat Ihnen schlaflose Nächte bereitet?
Rey Kühntopf: Wenn Teamkonflikte eskalierten und unlösbar wurden, Gespräche mit Behörden nicht mehr möglich waren, diffamierende Brief eintrafen oder drei, vier Pastoralraumleitungen gleichzeitig vakant wurden wegen Krankheit, Konflikten oder Demissionen.
Wie erleben Sie das Spannungsfeld zwischen kirchlicher Hierarchie und den Erwartungen der Basis?
Rey Kühntopf: Die Not ist gross, und es braucht Lösungen. Die Basis erwartet oft Seelsorgende, die in den aktuellen Strukturen wirken, ohne dass sie die nötigen theologischen und praktischen Ausbildungen absolviert haben. Der Bischof aber will menschlich gereifte, integre Persönlichkeiten, die ihren Glauben reflektiert haben und ihn überzeugend authentisch leben.
Nun hat er ein zweifaches Problem: Es werden reihenweise Seelsorgende pensioniert, und es kommen wenige nach. Bis jemand bereit ist, als Seelsorger:in tätig zu werden, braucht es Jahre. Neben der fachlichen Ausbildung braucht es Klärung und Eignungsprüfung. Soll der Bischof seine Ansprüche senken und zum Beispiel auf eine gründliche theologische Ausbildung verzichten? Ich meine nicht. In der Seelsorge brauchen wir Persönlichkeiten, die als geistliche Menschen in einem anspruchsvollen gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld bestehen können.
Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin Brigitte Glur-Schüpfer mit auf den Weg?
Rey Kühntopf: In der Bistumsregion St. Verena gibt es viele Möglichkeiten, sich für das Evangelium einzusetzen – es ist ein guter Boden. Bei allem Ärger, den es auch gibt, macht es in erster Linie sehr viel Freude, mit den Menschen unterwegs zu sein und am Reich Gottes zu bauen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kirche?
Rey Kühntopf: Dass wir auf dem synodalen Weg weitergehen, auch wenn es heute so aussieht, dass viel an kirchlichem Leben zu Ende geht. Das Gesicht der Kirche wird anders und neu, wenn wir uns an unseren Wurzeln orientieren und auf die heilige Geistkraft vertrauen. Ich bleibe zuversichtlich – trotz allem.
Zur Person
Edith Rey Kühntopf (*1962) war Assistentin für Dogmatik und Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie an der Universität Luzern, Pastoralassistentin in Emmenbrücke LU und Gemeindeleiterin in Zeihen AG und Eggenwil-Widen AG.
2012 übernahm sie die Leitung des Pastoralraums «Am Mutschellen» AG. Seit 2015 ist sie Regionalverantwortliche der Bistumsregion St. Verena, zu der nebst Bern auch die Kantone Jura und Solothurn gehören. Ende Juli 2026 wird sie pensioniert.