Text und Fotos: Christian Grass
«Eine kurze Auszeit im Kloster?» Sie lachte, nachdem ich die Worte «Kloster Mariastein» wiederholt hatte. «Musst du beim Eintritt dein Handy an der Pforte abgeben und in Herrgottsfrühe mit den Mönchen mitbeten?» Die Freundin schien besorgt. Gemeinschaft erleben könne ich doch vergnüglicher in einem Gummiboot auf der Aare als in monastischer Abgeschiedenheit.
Tage später stehe ich als Weltmensch im Zimmer 22 des Gästebereichs im Kloster Mariastein. Ich stelle mein Gepäck auf dem dunkelroten Teppich ab. Ein Eckzimmer, Fenster in zwei Himmelsrichtungen. Mich selbst stelle ich an eines der vier Fenster. Unter mir ist die Gnadenkapelle.
In Augenhöhe, direkt gegenüber, erscheint ein blanker Fels, darüber eine Ahnung von Urwald. Der Sage nach soll hier einst ein Kind einer Bauersfrau abgestürzt und, … «später, Christian».
Die Feierlichkeiten zu «100 Jahre päpstliche Basilica minor», in welche die Gnadenkapelle und ihre Historie eingebettet sein würden, stehen morgen an. Die Geschichte von Maria, welche voll der Gnade ist, und die des Wunders von Mariastein können aber schon an dieser Stelle nachgelesen werden:
Ein Weltmensch, das Kloster betretend
Die Welt sitzt uns noch dicht im Nacken; abschütteln möchte ich dieses Hin- und Hergezogenwerden zwischen Konsum, Reizen, Reizvollem, Bibel, kurzem Gebet, weltlichem Vergnügen, innigen Bitten, erfahrener Gnade und omnipräsentem Berufsalltag.
Jetzt, hier, im grossen Gastzimmer auf dem Boden stehend, fällt der Blick in eine gähnende Stille und auf einen imposanten Schreibtisch; rechts neben diesem hängt ein grosses Kreuz an der Wand: Gestorben und auferstanden bist Du, Jesus, unser Messias, der Christus, der Menschensohn, der Heiland, der Herr. Und jetzt bist du ganz nah bei mir.
Was gelingen sollte auf der Pilgerreise durch ein lichtvoll-düsteres Leben, in dem das Leid auf uns lauert: Die scharfe Trennung zwischen mir, Mensch auf Erden und Gott im Himmel, aufzuheben. Die eigene Hand nach Ihm ausstrecken können, leise betend: «Erlöse mich vom Bösen» und führe Du mich, Herr, anstatt ich mich selbst durchs Leben.
Was gelingen sollte in den nächsten Tagen im Kloster: Den Blickwinkel verändern. Nicht die Welt dominiert mich hier, sondern das Reich Gottes umfängt mich mit Gesten, Gesängen, Ritualen, positiven Begegnungen. Nicht Sorge über wochenlange Hitze draussen, als Zeichen möglicher Apokalypse, steht auf der Tagesordnung, sondern der frohe Blick in den Himmel, der uns kleinen Geschöpfen auf Erden ewiges Leben verspricht. Ob das hier, innerhalb sowie ausserhalb dieser Mauern, nur einen kurzen Spaziergang von Frankreich entfernt, gelingen könne?
Dreieinhalb Tage später starte ich schon wieder meinen Wagen und fahre zurück ins säkulare Leben. Die Freude, meinen Hund wiederzusehen, war die einzige, positive Regung auf der Rückfahrt. Der andere Teil in mir wollte bleiben, im Kloster verharren, in der Bibliothek die heilige Ordnung fühlen und Buchdeckel mit Worten aufklappen, die eine Verbindung zwischen Erdenbürger und Transzendenz schaffen. Er will Psalmen in der Basilika minor mitsingen und den Geruch von Weihrauch einatmen.
Auf der Fahrt über die Jurahöhen stelle ich mir selbst die Frage, wovon ich jener Freundin aus meinem Kurzurlaub im Kloster erzählen sollte? Was war mir wichtig, was trage ich innerlich mit mir nach Hause?
Dass Kardinal Kurt Koch, der auch zu Gast im Kloster war, über die Bedeutung Marias in Bezug auf das Heilsgeschehen wichtige Bemerkungen machte? Dass Frau Professor Schumacher, Dogmatikerin an der Universität Luzern, einen ausserordentlich lehrreichen Vortrag zu Maria, der Mutter Gottes, im Klosterhotel gehalten hatte? Dass sich Tamilen und Inder und Spanier um den reizenden Kardinal Koch gedrängt haben, ihn um Selfies baten, um sich im Anschluss daran von ihm segnen zu lassen?
Oder soll ich ihr erzählen, dass ich an diesem Wochenende Mitte August, an dem die Aufnahme Marias in den Himmel als Kirchenfest gefeiert wurde, das grandiose Konzert «Stabat Mater» von Giovanni Battista Pergolesi in der Kirche gehört, gesehen, gefühlt habe? Dass ich in einer der hinteren Bänke gesessen habe und vor allem die Altstimme der beiden Interpretinnen vom Ensemble des Sinfonieorchesters Biel-Solothurn in mich aufgesogen hatte? Dass ich den jungen Dirigenten und Leiter des Konzerts vor Konzertbeginn bedächtig den Hauptgang im Kirchenschiff auf- und abschreiten sah, um die Akustik zu kontrollieren?
Nein, was ich mitnehme, über das ich aber nicht mit der Freundin sprechen möchte, fühlt sich in mir anders an: Diese eine Vesper hatte ich meditativ erlebt. Die Benediktiner, im schwarzen Habit hinter dem Chorgitter stehend, sangen. Ihre Gesänge, klare, oft langgezogene Töne, die wie ein natürlicher Bach durch Zeit und Raum fliessen, liessen meine angesammelten Lebenslasten schwinden. Ich war hier und jetzt bereit, Gott zu danken für alles, das Er in meinem Leben für mich getan hatte. Für alles, also nicht nur für das sichtbar Gute.
Danach folgte der schweigende Gang mit den Mönchen zum Refektorium. Der Abt, Pater Ludwig Ziegerer, hatte dort den Tischsegen gesprochen. Ein anderer Pater sass an einem Pult in diesem hell beleuchteten Speiseraum mit einigen dunklen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert an den Wänden. Er las während des Mahls eine Geschichte vor, währenddem alle schwiegen. Es gab Fleisch, Kartoffeln und Karottengemüse. Ein süsses Dessert, serviert im Glas, bildete den Abschluss des guten Essens.
Nach diesem Nachtessen bin ich über den Klosterplatz spaziert, dann nach rechts abgebogen, eine Anhöhe hinaufgegangen. Abendhimmel. Flugzeuge im Landeanflug von rechts nach links auf den Flughafen in Basel. Ich ging zu Fuss über die Grenze, die keine mehr ist, und lief weiter in meinen staubigen Schuhen, auf französischem Boden. Der Blick ging hin zu den Vogesen. Die Wiesen waren von der Sonne versengt. Die Sonne am Himmel wurde Minuten später blutrot.
Da kam in mir hoch: Ich lebe zwischen der zweiten und dritten Ankunft Jesu Christi. Die zweite Ankunft war blutig, blutrot. Der Sohn Gottes starb für die Sünden der Welt. Ich selbst hatte und habe jeden Tag die Wahl: Ein Leben mit dem Gott der Dreieinigkeit oder ein Leben nach den Geboten der Welt. Wer hat mehr Dankbarkeit verdient, Jesus, der mich schon immer wollte und mich von Anfang an liebt, oder die Welt, eine Gesellschaft mit ihren Launen, ihrem Bemühen und grossem Versagen, mit der Selbstherrlichkeit und Sünde und dem Bruch zwischen ihr und Gott, der für viele so fern ist, immer unbedeutender wird durch die Errungenschaften der Wissenschaft.
Ich kehrte ins Kloster zurück. An diesem Abend stand ich vor dem grossen Kreuz an der Wand im Zimmer und berührte erst vorsichtig die Beine Jesu. Ich umfasste diese dann und blickte hinauf in sein leidendes Gesicht. Ich bat Ihn innig darum, er möge mir weiterhin Zeiten wie diese im Kloster Mariastein schenken, um das Unbedeutende des eigenen Lebens vom wirklich Wichtigen der menschlichen Existenz unterscheiden zu können.

