Text: Christian Grass
Jemand tritt aus dem Fahrstuhl. Er begegnet seiner Kollegin auf dem Flur. Er geht an ihr grusslos vorüber, steuert sein Büro an und schliesst die Türe hinter sich.
Ist dieses Beispiel für kollegiales Miteinander einfach nur banal? Wäre es denn ein brisantes Beispiel, wenn der Mann aus dem Fahrstuhl seiner Kollegin eine anzügliche Bemerkung auf dem Flur „zugeflüstert“ hätte, oder er sie mit drei Küsschen auf ihre Wangen vor aller Kolleg:innen begrüsst hätte?
Wie geht menschlicher, kollegialer Umgang im Berufsalltag? Was ist höflich, was ist anzüglich? Wann trete ich meiner Kolleg:in zu nahe? Und wann bin ich mental und physisch viel zu weit weg von ihr oder ihm?
Am 2. September 2026 wurden im Zentrum Christ-König viele Mitarbeiter:innen aller Sprachregionen der römisch-katholischen Kirche Biel und Umgebung zu einer Weiterbildung und einem Austausch eingeladen, der ernst zu nehmen ist: „Nähe und Distanz in der kirchlichen Arbeit“.
Die Referentin für die 17 deutschsprachigen Teilnehmer:innen war Marie-Theres Beeler, Seelsorgerin in der Pfarrei St. Martin, Pieterlen.
Mit dabei auch die ehemalige Leiterin ad Interim des Pastoralraums Biel-Pieterlen, Elsbeth Caspar und der neue, leitende Priester, Godwin Ukatu.
Warum ist dieses „Nähe-Distanz“ Thema für uns Angestellte so wichtig? Durchaus, weil manchen Kolleg:innen der Artikel 198 StGB im Kopf ist, der die Überschrift sexuelle Belästigung trägt. Vielleicht auch deshalb, weil wir einst von den Medien eine heftige Me-too-Kampagne präsentiert bekamen, die in vielerlei Hinsicht die Öffentlichkeit nachdenklich machte.
Das Thema hat vor allem grosse Bedeutung, weil wir in der kirchlichen Arbeit mit Menschen eine besondere Verantwortung allen Mitmenschen gegenüber tragen. Wer für Gott arbeitet, sollte im Umgang mit den Menschen sauber handeln. Im Grunde, ein Selbstverständnis.
Auch in der Kirche haben Menschen Macht
Macht ist ein Instrument, das sie bevollmächtigt Handlungen durchzusetzen. Die Grenze der Macht im Umgang mit Kolleg:innen, Gläubigen oder Sündern im Beichtstuhl, ist jedoch scharf zu ziehen. Die Macht der Selbstdarstellung, der Anerkennung und der Sanktionen* (*vgl. Eva Renate Schmidt, evangelische, feministische Theologin und Organisationsberaterin) sollte von uns gut reflektiert werden.
Welche Rolle nehme ich beruflich ein? Welches Verhalten wird genau deshalb von mir erwartet? Und wie steht es um meine Persönlichkeit und meine unbewussten Annahmen über mich und andere Menschen? Diese tiefgründigen (Selbst-) Betrachtungen, moderiert von M.-T. Beeler, brachten den interaktiven Kreis der Teilnehmer:innen zum Nachdenken.
Auch die Bewusstmachung möglicher Übergriffe und Grenzverletzungen, die von verbaler Demütigung und Witzen bis zu „zufälligen“ körperlichen Berührungen, die rasch eine Schamgrenze übertreten können, reichen, hat Bedeutung und Wirkung für uns. Eine Handlung, die Menschen, Kolleginnen und Kollegen verletzt, ist sehr schnell durch einen unreflektierten Umgang mit ihnen, geschehen.
Wir alle haben eine berufliche Vergangenheit, die oft auch in der säkularen Welt stattgefunden hat. Die meisten von uns haben schon beobachtet oder selbst erlebt, dass im Umgang mit dem Anderen Bosheit, Machtmissbrauch oder sexueller Übermut auftreten können. Die Bewusstmachung, dass unser Gegenüber ein schutzbedürftiges Wesen ist, das verwundbar ist und das bei Ablehnung, Ausgrenzung, Unterdrückung, verbaler und körperlicher Gewalt grenzenlos leidet* (*vgl. Protecting the Vulnerable, Robert Goodin), sollte uns in unserer Arbeit in der römisch-katholischen Kirche Biel und Umgebung jeden Tag vor Augen treten.
Und wenn es doch passiert ist? Wenn wir selbst übergriffig wurden? Oder ein Opfer wurden, oder beobachten mussten, wie eine Kollegin oder ein Kollege Opfer oder Täter einer Grenzverletzung oder gar Straftat wurde?
Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) hat Richtlinien und ein Konzept der Prävention und Intervention gegen sexuelle Übergriffe im Bistum Basel entwickelt. Marie-Theres Beeler stellte dieses vor und markiert einen Link, der stark informativ ist.
Wichtiger Hinweis an uns alle: Wenn Scham und Trauer, Verzweiflung oder starke, negative Gefühle uns belasten, weil die Grenzen von Nähe und Distanz verletzt wurden, stehen uns staatliche Beratungsstellen zur Verfügung, wie zum Beispiel die Opferhilfe.
Ebenso können wir die unabhängige Meldestelle für sexuelle Übergriffe im Bistum Basel anrufen: Rechtsanwalt Dr. Michael Daphinoff, T.: 058 200 35 51; E-Mail: [email protected]