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Seelsorge kann auch vor der Kirchentür beginnen

Am Sonntag wird Felicitas Ameling offiziell im Rahmen eines Gottesdienstes als Gemeindeleiterin der Pfarrei Guthirt in Ostermundigen eingesetzt.

Am Sonntag wird Felicitas Ameling offiziell im Rahmen eines Gottesdienstes als Gemeindeleiterin der Pfarrei Guthirt in Ostermundigen eingesetzt. Im Interview verrät sie, warum ihr zweijähriger Aufenthalt in New York und ihre Tätigkeit in der Spitalseelsorge eine gute Vorbereitung auf ihre neue Aufgabe waren und weshalb es sich lohnt, einen Berner Sennenhund als ständige Begleiterin zu haben.

Es spricht ja für den Pastoralraum Bern, dass du wieder nach Bern zurückgekommen bist, um hier Verantwortung zu übernehmen. Wie erlebst du die Katholische Kirche Region Bern?

Ich erlebe die Katholische Kirche Region Bern als ein vielfältiges Netzwerk, in dem vieles möglich ist und man nicht alles alleine machen muss. Ich schätze den Austausch über die einzelnen Pfarreien hinaus und die Möglichkeit, gemeinsam neue Wege auszuprobieren und Kirche zu gestalten und auch, dass ich an alte Bekanntschaften anknüpfen darf – es war schön bei der Pastoralraumtagung einige bekannte Gesichter zu treffen.

Du hast zwei Jahre in New York gelebt, was so ziemlich genau das Gegenteil von Bern ist. Was nimmst du mit aus dieser Zeit?

Dass die Schweiz sehr leise ist, dass Bagel zu jeder Tageszeit ein ausgesprochen gute Idee sind und dass es keine gute Idee ist am Freitagnachmittag nach Upstate New York fahren zu wollen.

Was ich tatsächlich spannend an New York fand, war die Heterogenität und die Offenheit der Menschen. Ich durfte Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mit verschiedenen religiösen Hintergründen und Interessen kennenlernen. Dabei musste ich meine eigenen Vorurteile immer wieder hinterfragen. Das hat meinen Blick auf Menschen und ihre Lebensweisen erweitert.

In Bern und Luzern warst du auch in der Spitalseelsorge tätig. Was können Spitalseelsorge und Pfarreiseelsorge voneinander lernen?

In der Spitalseelsorge stand ich oft unangekündigt und ungefragt in Patient:innenzimmern. Nicht immer, aber häufig ergaben sich daraus Gespräche, oft auch existenzielle. Vielleicht kann die Pfarreiseelsorge von diesem offenen Zugehen lernen: ohne feste Agenda, offen dafür, wohin die Gesprächsreise führt. Es geht darum, da zu sein, auszuhalten und mitzugehen, ohne bereits mit einem fixfertigen Angebot zu kommen.

Die Spitalseelsorge wiederum hat es oft schwer, kontinuierlich zu arbeiten. Wenn Kontinuität gelingt, ist sie für Patient:innen, Angehörige und Pflegefachpersonen jedoch sehr wertvoll. Gerade in der Begleitung des Spitalpersonals kann die Spitalseelsorge deshalb von der kontinuierlichen Arbeit in der Pfarrei lernen.

Welche Herausforderungen siehst du aktuell in der Gemeindearbeit und wie kann man deiner Meinung nach darauf reagieren?

Veränderungen sehe ich vor allem bei der kirchlichen Bindung und der zunehmenden Individualisierung. Beides wirkt sich auch darauf aus, wie Menschen an kirchlichen Angeboten teilnehmen.

Ich glaube allerdings nicht, dass Menschen heute weniger glauben oder weniger spirituell sind als früher. Das habe ich besonders in der Spitalseelsorge erlebt. Menschen suchen anders und finden andere Antworten. Gleichzeitig sind sie dankbar für Begleiter:innen auf ihrem Lebensweg.

Genau darin sehe ich eine wichtige Aufgabe von Kirche: Menschen dort zu begegnen, wo sie sind. Seelsorge muss nicht immer in kirchlichen Räumen stattfinden. Sie kann auch vor der Kirchentür beginnen, bei einer Tasse Kaffee mit jemandem, der/die allein im Foyer sitzt, oder indem wir unsere Ressourcen zur Verfügung stellen – seien es Räume, Wissen oder Zeit.

Wir müssen nicht auf jede Entwicklung mit einem neuen Angebot reagieren. Manchmal reicht es, offen zu sein, zuzuhören und gemeinsam herauszufinden, was gebraucht wird.

Was machst du, um Kraft zu tanken?

Endlich kommt die Frage, bei der ich meinen Hund erwähnen darf! Ich habe einen Berner Sennenhund, der mir immer wieder zeigt, woher die Redewendung «Bärner Gring» herkommt – vor allem, wenn es ums Aare schwimmen geht. Sie holt mich immer wieder aus trüben Gedanken heraus. Wenn ich mit ihr unterwegs bin, bewege ich mich und habe die unterschiedlichsten Begegnungen im Quartier. Und weil ich so viel draussen bin, kann ich immer wieder an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten über die Schönheit der Schöpfung staunen. Das erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit und gibt mir Kraft.

Worauf freust du dich in deiner neuen Aufgabe am meisten?

Ich freue mich auf das Unterwegssein mit den Menschen in Ostermundigen, Stettlen, Bolligen und Ittigen und auf die Zusammenarbeit mit dem tollen, motivierten, hilfsbereiten Team vor Ort und im Pastoralraum.

Ich freue mich aber auch darauf, neue Wege auszuprobieren, wie z.B. eine Tiersegnung, eine Nacht der offenen Kirche oder andere Projekte in der Pfarrei oder gemeinsam im Pastoralraum.

Generell möchte ich die Anliegen der Menschen vor Ort aufnehmen und gemeinsam mit ihnen schauen, was sich daraus entwickeln lässt. Wir müssen nicht alles selbst anbieten, können aber vieles möglich machen.

Das Schöne an der Arbeit in der Katholischen Kirche Region Bern ist für mich, dass wir nicht allein unterwegs sind. Wir sind Teil eines grossen Netzwerks, in dem wir uns austauschen, voneinander lernen und gemeinsam Kirche gestalten können.

(Das Interview führte Christian Geltinger.)

 

Sonntag, 18. Oktober, 10.05 Uhr, Pfarrei Guthirt, Obere Zollgasse 31, Ostermundigen

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