«Praedicate Evangelium ist keine Revolution, hat aber Potential»


Interview mit Pfr. Nicolas Betticher

Wie ist die Kurienreform von Papst Franziskus zu bewerten? Sie geht in die richtige Richtung, findet der Kirchenrechtler Nicolas Betticher. Wegweisende Veränderungen müssten aber von einem Konzil kommen. Trotzdem könnten die Schweizer Bischöfe schon jetzt vorwärts machen.

Raphael Rauch

 

Der Luzerner Kirchenrechtler Adrian Loretan wertet die Kurienreform von Papst Franziskus als «Revolution». Und Sie?

Nicolas Betticher*: Es ist für mich keine Revolution, aber eine gute Evolution. Alle Dikasterien arbeiten weiterhin für den Papst, der die Letztverantwortung trägt und alle wichtigen Entscheidungen trifft. Auf den ersten Blick ist da nicht viel Neues dabei. Es sei denn: Wenn tatsächlich Laien, Frauen und Männer, Chefs von Dikasterien werden und somit zum «päpstlichen Rat» gehören, so könnte man sich vorstellen, dass diese einen grossen Einfluss in der Kurie haben werden. Und hier sehe ich das Brisante an diesem Dokument.

Was ist daran brisant?

Betticher: Nehmen wir an, ... 

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Nicolas Betticher: «Wollte Jesus eine solche Kirche, in der wir heute leben? Nein»

Der Berner Pfarrer Nicolas Betticher kritisiert in der SRF-Sendung «Sternstunde Religion» Machtmissbrauch von Schweizer Bischöfen: «Ich begleite seit mehreren Jahren Priester, die leiden.» Seinen offenen Brief an Papst Franziskus hat er nicht abgeschickt.

 


Der Berner Pfarrer Nicolas Betticher ist Gast der SRF-Sendung «Sternstunde Religion». Darin berichtet er über seine Erfahrungen im Umgang mit Missbrauch und Machtmissbrauch. Als ehemaliger Kanzler, Offizial und Generalvikar des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg hat er viel erlebt.

Bischof «gar nicht richtig fähig», sein Amt auszuüben

Betticher berichtet, wie er im Jahr 2007 viele Missbrauchsopfer empfangen habe: «Ich habe Menschen gesehen, die nicht mehr sprechen konnten.» Die Kirche habe «Menschen zerstört, das kann man nicht mehr gutmachen». Das Einzige, was für die Kirche nun möglich sei: «Wir schauen in die Zukunft. Wie machen wir es besser?»

Machtmissbrauch finde nach wie vor statt, sagt Betticher: «Ich begleite Priester, die unter ihrem Bischof leiden.» Ohne Namen zu nennen, berichtet er von einem Bischof, der «vielleicht gar nicht richtig fähig» sei, sein Amt auszuüben, und «dann plötzlich von oben herunter top down agiert und den Priester dann so in eine Sackgasse führt, dass der Priester nicht mehr weiss, wie es weitergehen soll». Wenn ein Bischof nicht tue, was er machen müsse, «ist das auch ein Machtmissbrauch, ein Missbrauch seiner Verantwortung», sagt Betticher.

«Das Splitting wäre eine Lösung»

Er habe «letzthin einen Fall gesehen von einem Priester, der verurteilt wurde in einem aussergerichtlichen Verfahren und nicht in einem ordentlichen Verfahren». Bei einem ausserordentlichen Verfahren kann der Bischof praktisch im Alleingang entscheiden: «Solange die Kirche solche Sachen erlaubt, sind wir auf dem schlechten Weg.» Die Kirche brauche unabhängige Gerichte. 

Betticher plädiert in der Sendung für ein Ämter-Splitting: Ein Bischof könne nicht oberster Richter, Chef der Exekutive und der Legislative sein – und noch dazu für die Priester als spiritueller Vater ein offenes Ohr haben. «Das Splitting wäre eine Lösung.»

Frauen sollen am Dritten Vatikanischen Konzil mitwirken

Über das Verhalten von Benedikt XVI. im Münchner Missbrauchskomplex sagt Betticher: «Heute sieht man mit einer Brille zurück, die anders ist als damals.» Doch selbst mit dem Wissen von damals hätte man anders handeln müssen. Auch wenn es keine klaren Prozeduren gegeben habe: «Es geht einfach um das Menschliche, das man in sich trägt. Und da steht man auf und sagt ‘Halt!’ und macht etwas. Ich kann das heute einfach nicht verstehen.»

Betticher stellt die Frage: «Wollte Jesus eine solche Kirche, in der wir heute leben?» Seine Antwort: «Nein!» Die Kirche solle das Evangelium in den Vordergrund rücken. Männer und Frauen sollten gemäss ihrem Charisma eingesetzt werden. Betticher wünscht sich ein Drittes Vatikanisches Konzil, an dem auch Frauen mitwirken.

Brief an Franziskus nicht abgeschickt

SRF-Moderatorin Olivia Röllin fragt Betticher, was aus seinem Brief an Papst Franziskus geworden ist. Im Oktober 2021 fielen die Missbrauchsdebatte in Frankreich und der Start des synodalen Prozesses zusammen. Betticher hatte damals angekündigt, einen offenen Brief an Papst Franziskus zu schreiben. Die Kernaussage des Briefes lautete: «Gerne wirken wir im synodalen Prozess mit. Aber bitte: setzen Sie ein klares Signal.» Die Kirche müsse ihre Strukturen ändern.

Betticher sagt, er habe den Brief nicht abgeschickt, weil er nicht mit einer Antwort von Franziskus rechne: «Ich weiss ganz genau, dass ein solcher Brief nie bis zum Papst kommt.» Es sei ihm um das «Aufrütteln meiner Pfarrei» gegangen. Und das habe er erreicht: «Es gab spannende Diskussionen in meiner Pfarrei.» 

Verantwortung wird nicht wahrgenommen

Der Berner Ethiker Mathias Wirth, der zusammen mit Doris Reisinger ebenfalls Gast der Sendung ist, findet: An diesem Beispiel zeige sich das Problem der «Verantwortungswahrnehmung» der katholischen Kirche. 

Die katholische Kirche gehe nicht von einer Binnen-Moral aus, sondern von einer allgemeinen Moral – gegen die sie trotzdem ständig verstosse. «Wenn nicht mal ein Pfarrer in Bern glaubt, dass ein Brief zu einer wichtigen Angelegenheit bei der Führungspersönlichkeit einer Institution ankommt, dann wird Verantwortung schlicht in den basalen Angelegenheiten nicht wahrgenommen.»

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Nicolas Betticher: «Die Bischöfe könnten schon jetzt klare Zeichen setzen»

Der Berner Pfarrer Nicolas Betticher hofft auf ein Drittes Vatikanisches Konzil. Doch schon jetzt könnten die Schweizer Bischöfe Reformen anstossen, sagt er in der Zürcher Paulus-Akademie. Die Präventionsexpertin Karin Iten kündigt für das Bistum Chur einen Verhaltenskodex an. Der dürfte Konsequenzen für die kirchliche Personalpolitik haben.

Raphael Rauch

Nicolas Betticher hat eine steile Kirchenkarriere hinter sich: Er war Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz und ist später vom Kanzler bis zum Generalvikar des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg aufgestiegen.

«So kann es nicht weitergehen»

Als Charles Morerod Bischof wurde, musste Nicolas Betticher gehen. Schon länger ist er Pfarrer von Bruder Klaus in Bern, nun auch im Bistum Basel inkardiniert. Letztes Jahr hat er ein Buch veröffentlicht. Es heisst: «Trotz allem: Macht, Missbrauch, Verantwortung in der katholischen Kirche: Selbstreflexion eines Priesters.»

Über seine Motivation für sein Buch sagt er am Dienstagabend in der Zürcher Paulus-Akademie: «So kann es nicht weitergehen.»

Betticher will auspacken

Nicolas Betticher begrüsst die geplante Studie zur Aufarbeitung des Schweizer Missbrauchskomplexes. Wenn die Historikerinnen der Universität Zürich auch ihn befragen wollen, stehe er zur Verfügung. «Vieles ist in den Archiven nicht enthalten. Mündliche Quellen sind notwendig», sagt Nicolas Betticher. Als Kanzler, Offizial und Generalvikar des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg habe er viel mitbekommen. Er befürchtet, dass auch heute noch «nicht alles korrekt behandelt wird in Sachen Machtmissbrauch aller Art».

Ein Beispiel für Machtmissbrauch? Erst vor wenigen Wochen habe er für einen verzweifelten Priester samstagnachts die Ambulanz gerufen: «Er hat vom Bischof kein faires Verfahren bekommen und gab klare Signale, sich umbringen zu wollen.»

«Die Bischöfe könnten das Amt des obersten Richters im Bistum abgeben»

Nicolas Betticher ist Kirchenrechtler. In seinem Buch beschreibt er, wie er vom strammen Konservativen zum Pragmatiker mit Römerkragen wurde. Nicolas Betticher ist froh, dass Papst Franziskus einen synodalen Prozess angestossen hat. Er hofft, dass dieser in ein Drittes Vatikanisches Konzil mündet: «Ein Konzil kann Vieles verändern, auch die Moraltheologie der Kirche, die heute oft nicht mehr verstanden wird, weil sie eben am Menschen, an seinen Bedürfnissen, an seiner ontologischen Realität vorbeisieht.»

Doch Nicolas Betticher will nicht nur auf ein Konzil und auf Rom warten. Er ist überzeugt: Die Bischöfe könnten schon jetzt klare Zeichen setzen. «Sie könnten zum Beispiel entscheiden, dass sie das Amt des obersten Richters im Bistum abgeben. Dann gäbe es schon ein bisschen mehr Gewaltenteilung in der Kirche.»

«Die Notlage kann Vieles legitimieren»

Und wie will er das mit dem Kirchenrecht in Einklang bringen? «Die Notlage kann Vieles legitimieren. Ja, ein Bischof ist in einer Notlage, wenn er einen Priester verurteilen muss und gleichzeitig sein spiritueller Vater ist und für sein Wohl aufkommen muss. Das geht nicht mehr auf. Da müssen wirklich Lösungen gefunden werden.»

Bislang hat kein Bischof diesen Schritt getan. Warum, weiss Nicolas Betticher nicht: «Vielleicht befürchten sie, Macht abzugeben und dabei die Einheit des Bistums zu tangieren. Aber dies ist eben eine falsche Sicht der Ekklesiologie. Das Splitting der Ämter kann hier zukunftsorientiert Antworten bieten.»

«Nährboden für Machtmissbrauch und Vertuschung».

Der Kirchenrechtler kritisiert auch: Noch heute würden Schweizer Bischöfe ausserordentliche Verfahren im Kirchenrecht anwenden. «Beim ausserordentlichen Verfahren kann der Bischof alleine entscheiden. Er muss niemanden wirklich fragen, niemanden hinzuziehen. Ein paar Akten, ein paar Zeugnisse, dann macht er den Bericht.» Solche ausserordentlichen Verfahren seien ein «Nährboden für Machtmissbrauch und Vertuschung».

Wie kann es sein, dass trotz der globalen Missbrauchskrise noch nicht alle Schweizer Bistümer die Richtlinien der Bischofskonferenz umgesetzt haben – und etwa eigene Präventionsbeauftrage ernannt haben? «Ich finde das beschämend», sagt Nicolas Betticher. «Es zeigt, dass die Präventionsarbeit noch nicht oberste Priorität ist.» Am Geld könne das nicht scheitern: «Die Bischöfe haben Geld. Und wenn sie kein Geld haben, dann gibt es genügend Stiftungen, die das übernehmen würden.»

«Die anderen Bistümer müssen nachziehen»

Karin Iten ist zusammen mit Stefan Loppacher Präventionsbeauftragte des Bistums Chur und bei der Schweizer Bischofskonferenz. Sie hat kein Verständnis dafür, warum nur das Bistum Chur eine 100-Prozent-Stelle für die Präventionsarbeit geschaffen hat: «Die anderen Bistümer müssen nachziehen – und zwar mit angemessenen Stellenprozenten. Andernfalls bleibt die Funktion eine Farce», sagt Karin Iten.

Doch auch im Bistum Chur gebe es viel zu tun. «Wir kontrollieren noch nicht, wer eine Schulung zur Präventionsarbeit absolviert hat. Das muss sich ändern. Dafür braucht es Führungspersonen, die das einfordern.»

Aussagen mit Zündstoff

Karin Iten informiert über einen neuen Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht, der künftig für das Bistum Chur gilt. «Er schafft verbindliche Qualitätsstandards.» Der neue Verhaltenskodex, der offiziell im April vorgestellt werden soll, enthält Aussagen mit Zündstoff.

So gibt es den Punkt: «Ich anerkenne die sexuellen Rechte als Menschenrechte, insbesondere das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.» Auch gibt es den Passus: «In jedem Fall unterlasse ich offensives Ausfragen zum Intimleben und zum Beziehungsstatus. Dies gilt auch für Gespräche, die ich als Vorgesetzte*r führe.»

«Das Intimleben geht die Arbeitgeberin Kirche nichts an»

Steht Bischof Joseph Bonnemain hinter dem neuen Verhaltenskodex? «Ja, er befürwortet ihn ausdrücklich und wird ihn unterschreiben», sagt Karin Iten. Dabei widerspricht der Verhaltenskodex der gängigen kirchlichen Personalpolitik. Bei der Vergabe von bischöflichen Beauftragungen in den Generalvikariaten ist das Privatleben durchaus immer wieder Thema.

«Das Intimleben geht die Arbeitgeberin Kirche nichts an. Es ist beschämend und grenzverletzend, am Arbeitsplatz darüber Auskunft geben zu müssen. Zum Beispiel, ob ein Priester zölibatär lebt oder nicht. Oder ob eine Seelsorgerin geschieden oder lesbisch ist», sagt Karin Iten.

Weihbischof Betticher? «Non, Merci»

Unter den Besucherinnen und Besuchern in der Paulus-Akademie war auch Max Stierlin, ein Urgestein der Zürcher Katholiken. Er wünscht sich mehr Priester wie Nicolas Betticher in der katholischen Kirche, die selbstkritisch auf den Klerikalismus blicken.

«Machtgehabe kann auch aus einer Schwäche entstehen, aus Einsamkeit und der Angst zu versagen. Nicolas Betticher wirkt auf mich als ein Mahner, aber mit einem grossen Herzen und viel Empathie für die Menschen», sagt Max Stierlin. Nicolas Betticher, ein möglicher Weihbischof für das Bistum Basel? Seine Antwort: «Non, Merci.»

Die Veranstaltung in der Paulus-Akademie fand unter der Leitung von Direktor Csongor Kozma in Zusammenarbeit mit kath.ch statt. Die Zürcher Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding musste ihre Teilnahme auf dem Podium krankheitsbedingt absagen.

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10.03.2022
Elisabeth Moraschinelli: 
Lieber Abbé Nicolas
Danke vielmal für Ihre klaren Worte. Ich hoffe, dass der Samen, den Sie streuten, auch aufgehen wird und zum Blühen kommt!
Alles Gute und viel Sonnenschein im grossen Herzen. Liebe Grüsse

"Der Segen gehört Gott, nicht der Kirche"

Die Glaubenskongregation hat ein Dokument verabschiedet, das die Segnung homosexueller Paare verbietet. Verschiedene Bischöfe, Theolog*innen und Seelsorgende haben diese Stellungnahme kritisiert. Was sagt Nicolas Betticher dazu? Er ist Pfarrer in Bruder Klaus Bern. Als Offizial des «Interdiözesanen Schweizerischen Kirchlichen Gerichts» ist er oberster Kirchenrichter der Schweiz.

Interview: Andreas Krummenacher


«pfarrblatt»: Was halten Sie von der aktuellen Stellungnahme der Glaubenskongregation?

Nicolas Betticher: Das Dokument spricht von Sünde und Sündern. Das verletzt die homosexuellen Menschen, auch wenn diese Aussage der Lehre der Kirche entspricht. Aber die Kommunikation ist nicht gut. Im gleichen Text ist von Wertschätzung der homosexuellen Menschen die Rede und gleichzeitig werden sie als Sünder bezeichnet. Eine solche Kommunikation ist für uns Seelsorgende schwierig. Wie sollen wir dies erklären?

Ein weltfremdes Dokument, das die Lebensrealität vieler Menschen verkennt?

Dieses Schreiben ist ein sehr kirchenrechtliches Dokument. Lehre und Pastoral klaffen auseinander. Wir können Menschen nicht auf ihr sexuelles Leben reduzieren. Der Mensch ist viel mehr. Es geht um den ganzen Menschen, in seiner Komplexität, im Reichtum seiner menschlichen Entwicklung. Das Ideal der Kirche ist die Ehe zwischen Mann und Frau mit dem Wunsch nach Kindern. Gesegnet von Gott, unauflösbar im Sakrament und in Treue. Das ist ein hohes Ideal, für die katholische Weltkirche. Und dann, ja, gibt es die ganze Bandbreite der menschlichen Lebensrealitäten – beispielsweise gibt es homosexuelle Menschen. Hier gibt es also eine Spannung. Dazu müssen wir als Kirche Stellung nehmen.

Viele Menschen aber wenden sich von der Kirche ab, weil sie diesem Wunschbild nicht entsprechen können oder wollen.

Entweder das, oder man fühlt sich gegenüber dem Ideal derart verloren, dass man sich nur noch als Sünder*in vorkommt vor Gott und darunter leidet. Gott aber will nicht, dass die Menschen leiden. Er ist der Freund und Vater aller Menschen. Eine grosse Mehrheit schaut die Sexualmoral der Kirche als obsolet an – obwohl sie das nicht ist. Aber sie ist kirchenintern derart idealisiert worden, dass sie hier mit der Gesellschaft, die sich entwickelt hat, nicht mehr zusammenkommen kann. Wir dürfen diese Kluft nicht so stehen lassen, sonst lassen wir die Menschen allein.

Wie könnte diese Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft überwunden werden?

Wir müssen mehr interdisziplinär denken. Theologie, Psychologie, Medizin, die Wissenschaft sollen gemeinsam über diese Fragen nachdenken. Und dies in einer ganz bescheidenen Art. Wer sind wir, dass wir urteilen? Hatte dies Papst Franziskus nicht selber gesagt ? Und eben gerade hier liegt die Problematik: einerseits das Ideal, die unantastbare Lehre der Kirche, und andererseits die Realität der Menschen in ihrer Komplexität. Natürlich kann die Kirche ihre Lehre als Ideal vorschlagen. Aber sie muss ebenfalls das Gewissen des Menschen respektieren. Der Segen gehört Gott, nicht der Kirche. Da müssen wir sehr vorsichtig vorgehen und unterscheiden.

Die Kirche muss die Menschen und ihre Würde ernster nehmen.

Ich denke, wir sollten in der Kirche viel weniger von Sexualmoral sprechen. In diesem Bereich sind wir nicht mehr ganz glaubwürdig. Denn wir sprechen von Idealen und gleichzeitig leben manche in der Kirche dieses Ideal nur teilweise oder gar nicht. Da entsteht unweigerlich das Gefühl von Scheinheiligkeit. Und das ist nicht gut. Wir müssen vielmehr das Gewissen des einzelnen Menschen vor Gott wahrnehmen. Der Papst sagt selbst, dass wir die Menschen endlich mit ihrem erwachsenen Gewissen wahrnehmen müssen.

Was sagt eigentlich Jesus zu Homosexualität?

Christus hat nie über Homosexualität gesprochen! Warum nicht? Das weiss ich nicht. Entweder war es für ihn keine Priorität. Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Solidarität, das Heil der Menschen – das waren seine Themen. Vielleicht wollte er über alles andere einfach schweigen. Oder er hat die gängige Ordnung akzeptiert und es war für ihn keine Priorität, dagegen anzukämpfen. Kämpfe ich nämlich dagegen an, stelle ich alles auf dieselbe Stufe, und dann wird das höchste Gesetz, die Nächstenliebe, plötzlich gleichwertig mit der Frage nach verschiedenen sexuellen Ausrichtungen.

Dennoch stehen diese Regeln im Katechismus, im Kirchengesetz.

Richtig. Und hier antworte ich mit der Epikie. Wenn das kirchliche Ideal im Leben der Menschen nicht mehr umzusetzen ist, wenn die Kluft zu gross ist, dann muss der Mensch mit seinem Gewissen vor Gott selbst Antworten finden. Wenn er dann die moralische Gewissheit hat, dass seine Antwort die richtige ist für sein Leben, dann habe ich von aussen diese moralische Gewissheit zu respektieren. Das ist Epikie. Das gilt in jedem moralischen Bereich und in jedem Bereich des Kirchenrechts. Das ist aber eine pastorale Antwort, nicht eine lehramtliche.

Gibt es für eine solche Gewissensentscheidung ethische Leitlinien?

Ja, das Gewissen muss informiert sein. Wenn eine katholische Person vor der Tatsache steht, dass sie homosexuell veranlagt ist und nicht allein leben kann, weil sie sonst psychisch zugrunde geht, wenn sie dann jemanden findet, wahre Liebe empfindet, glücklich wird und niemandem schadet – dann wissen sie, ihr Gewissen ist geschult. Dann ist die Epikie erfüllt. Der Mensch steht dann vor Gott und schenkt ihm sein Vertrauen. Ich darf hier nicht konkret eingreifen, um diese Beziehung zu Gott verändern zu wollen. Jesus hat die Menschen immer bei der Hand genommen und sie aufgestellt in ihrem Leben. Wort und Heilung.

Der Papst sagt, wir sind Kirche als Lazarett auf dem Schlachtfeld. Wir müssen auf die verwundeten Menschen zugehen und sie heilen. Wie kann ich einem homosexuellen Menschen sagen, du lebst in der ständigen Sünde, du musst dich trennen und halt diese Tragödie deines Lebens annehmen. Da bin ich kein Lazarett, dann stehe ich irgendwo auf einem Sockel befehle von oben herab, man müsse mir folgen, ansonsten lebe man in der Sünde. Das ist nicht nach dem Evangelium.

Was machen Sie, wenn ein homosexuelles Paar um einen Segen bittet?

Ich werde mit diesem Paar und auch einzeln die Situation besprechen. Ihnen das Ideal der Kirche erklären. Und dann nachfragen: was ist ihre Motivation. Ich muss da ganz bescheiden bleiben. Sicher nicht lehramtlich, sondern eben pastoral. Wenn nun zwei Menschen kommen und sagen, dass sie sich lieben, dann darf ich diese Liebe niemals verneinen. Gott wird das auch nicht tun, er kennt die Natur. Er wird von mir verlangen, dass ich diesen Menschen ein gutes Wort mit auf den Weg gebe. Das Evangelium ist eine positive Botschaft. Wir können gemeinsam ein Ritual entwickeln, wo sie spüren können, dass diese Liebe eine Realität ist, dass Gott sie als Menschen segnet, dass wir gemeinsam beten, dass wir gemeinsam etwas entfalten. Das kann mir niemand verbieten, und ich bewege mich innerhalb der Lehre.

Es klingt trotzdem kompliziert und eingeschränkt.

Ist das Lehramt sogar hinderlich für einen menschlichen Umgang? Ich versuche aufzuzeigen, dass die katholische Kirche immer Ideale hat. Das ist gut so. Der Mensch braucht Ideale. Der Mensch braucht auch Antworten, wenn er das Ideal nicht umsetzen kann. Es braucht aber auch lehramtliche Antworten, die die pluridisziplinare Analyse der Frage der Homosexualität auch integriert. Theologie und Wissenschaft sollen mehr miteinander sprechen. Wir müssen eine einheitliche Lehre entwickeln, die die wissenschaftliche Realität integriert und die gleichzeitig das Ideal nicht ausschliesst. Das ist eine Antwort, auf die ich warte. Auf der einen Seite ist die Kirche heilig, mit ihrem Ideal, da ist sie unantastbar – aber als sichtbare Gemeinschaft ist sie voller Sünder. Zwischen beiden gibt es Realitäten, die miteinander verflochten sind.

Die Hoffnung auf neue Wege scheint bei Ihnen durchaus vorhanden zu sein?

Ja, es gibt Wege, die wir gemeinsam gehen müssen. Nicht nur Rom alleine. Synodalität überall. Wir müssen aber mit der Lehre vorsichtig umgehen. Sie nicht einfach über Bord werfen, aber uns auch nicht von der Lehre pastoral einsperren lassen. Noch einmal: es gilt für mich das Prinzip der Epikie. Wo das Gesetz und die Realität des geschulten Gewissens auseinanderklaffen, müssen wir pastorale Antworten finden und geben. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch meine Pflicht.

 

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C als Aufhänger einer Partei?


Die Coronapandemie lässt uns Zeit fürs Nachdenken. Über unsere Gesellschaften, unser Leben, unsere Werte. Schenken wir uns Zeit und denken wir nach über Werte.

Ein Beispiel: die CVP, Partei der Mitte, will das C ablegen. Die Partei sei schon lange nicht mehr konfessionell, das heisst katholisch verankert, deshalb muss sie sich von diesem C lösen. Dies wird von Parteimitgliedern immer wieder verlangt. Die Partei der Mitte sucht nach neuen Mitgliedern. Deshalb muss sie auch ihr Profil erneuern. Das kann man verstehen. Und Werte hat sie ja, wie sie sagt: christliche Werte der Freiheit, der Verantwortung, der Solidarität, etc. Stimmt. Ich hoffe aber, dass alle Parteien diese Werte vertreten, die ja zuerst nicht religiös sind, sondern ganz einfach menschlich.

Ich war auch einmal in dieser Partei engagiert. Damals war das C-Thema schon aktuell. Man wollte es neu schreiben: C als „communio“, Gemeinschaft, und nicht mehr als „christlich“. Aus Angst, viele Mitglieder der Stammländer zu verlieren, hat man dann diese Idee aufgegeben. Heute stellt sich die Frage wieder. Auch aufgrund einer legitimen Diskussion rund um die christlichen Werte?

Viele sagen, sie seien Christen, kennen aber die christlichen Werte nur wenig oder gar nicht. Sie identifizieren sich mit einer christlichen Vorstellung, die es aber schlicht nicht mehr gibt. Seit den 60er Jahren hat sich Europa stark entwickelt. Das Individuum steht im Zentrum, nicht mehr die Gemeinschaft, die Familie. Einzelrechte dominieren. „Ich habe mein Lieben im Griff und ich habe das Recht, es so zu gestalten, wie es mir passt.“

Seit den 60er Jahren lässt sich ausserdem eine klare Trennung zwischen Kulturen und Glaubensgemeinschaften (darunter auch die katholische Kirche) feststellen. Während sich die Kulturen Europas, auch infolge der Globalisierung, rasch entwickelt haben, versuchten die Glaubensgemeinschaften weiterhin in diesen Kulturen ihren Platz zu verteidigen. Dies führte rasch zur Kenntnis, dass Kulturen sich schon längst von den Glaubensgemeinschaften verabschiedet hatten. Und doch hoffen viele das Religiöse wieder mit den Kulturen vor Ort zu verbinden, was meistens eher populistische Folgen hat.

Kulturen und Glaubensgemeinschaften: 2 Realitäten für eine Ortsgesellschaft. Wie kann der Dialog zwischen beiden stattfinden? Sicher indem die Identitäten beider Realitäten bewusst definiert werden.

Versuchen wir es bei der katholischen Kirche als Glaubensgemeinschaft. Was ist ihre christliche Identität?

Mit Papst Franziskus dürfen wir betonen, dass der Katholizismus heute nicht mehr primär Theorien festlegen soll, sondern vermehrt aus dem Evangelium heraus leben muss. „Lazarett auf dem Schlachtfeld sein!“, sich auf die Seite der Bedürftigen und Kleinen stellen.

Die Kirche soll weniger das Normative der Gesetze verkünden, sondern vielmehr die Werte der Nächstenliebe verkünden und auch kohärent leben. Denn die Kirche kann heute das Normative in der Gesellschaft nicht mehr direkt beeinflussen, ja sogar abändern (z.B. die Abtreibungsfrage, die eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaft, usw.). Falls sie dies versucht, so muss sie sich mit den populistischen Kreisen verbünden. Und dies führt ja bekanntlich zu keinem positiven Resultat.

Mehr denn je braucht es heute Auseinandersetzungen über die Werte und nicht primär über Normen und Gesetze. Denn Erstere beeinflussen Letztere. Eben deshalb soll die Kirche nicht politischen Lobbyismus betreiben, sondern Grundsätze und Werte neu definieren, die in der heutigen Gesellschaft Platz finden können. Grundsätze, die den Wert des Menschen in seiner Ganzheit, seiner Pluralität, seiner Identität beschreiben. Grundsätze, die schlussendlich für alle gelten können.

Deshalb braucht die CVP ihre eigene Identität. Sie kann das C der Kirche zurückgeben, damit diese es apolitisch neu definieren kann und die christlichen Werte so definieren kann, dass sie niemanden ausgrenzen. Wir dürfen die christlichen Werte alle vertiefen und entfalten: die Parteien und die Kirche.

Nicolas Betticher, Pfarrer

 

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07.06.2020
Lieber Nicolas, das C der Kirche zurückzugeben finde ich eine sehr gute Idee.

Stefan Meierhans: Ich danke für den spannenden Text zum C in der CVP. In Jakobus heisst es: Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein. Die Werte zu leben, ist entscheidend - und sie ins Leben zu tragen - zu all jenen, die Ohren haben, zu hören. Welcher Buchstabe das Parteikürzel trägt, ist dabei sekundär.

Michael Eichmann: Lieber Herr Pfarrer, herzlichen Dank für dieses ausgezeichnete Statement. Als CVP-Mitglied, das trotz seiner genuinen Mitgliedschaft Zweifel an der C-Diskussion hat, sind Ihre Worte eine echte Orientierungshilfe. Gerne hätte ich noch eine Ergänzung gehabt hinsichtlich der christlichen Werte, vor allem einen Hinweis, was diese gegenüber allgemeinen positiven oder menschlichen Werten auszeichnet. In herzlicher Verbundenheit, Ihr Michael Eichmann

02.06.2020
Monika Etter: Lieber Herr Pfarrer Betticher. Ich habe Ihren ausführlichen Artikel im Pfarrblatt gelesen. Ich bin Mitglied der CVP, die ihren Namen schon mehrmals geändert hat. Es ist betrüblich, dass es immer weniger Mitglieder in dieser Partei gibt. Wenn das C wegfällt, werden sicher einige Mitglieder austreten. Ich kann mich nicht dazu entschliessen, für diesen Schritt meine Zustimmung zu geben. Die CVP verliert ihre Wurzeln, und das ist sehr schade.

29.05.2020
Birgit Beati: Lieber Herr Pfarrer Betticher, ein grosses Bravo und chapeau zu Ihren beiden Gedanken betr. Coronakrise und Definition der politischen Parteienlandschaft in der Schweiz. Können wir Christen noch die christlichen Werte benennen? Wie leben wir unser Christsein in der oft säkularen Umgebung der heutigen Zeit? Dies schreibt Ihnen eine Lutheranerin, die gerne am Samstag zu Ihren Gottesdiensten kommt. 
Gott zum Gruss. 

Hallo liebe Schweiz!


Wir alle leben in einem Ausnahmezustand. Dies nun seit Wochen und wahrscheinlich auch noch für weitere Wochen…

Wir hören den Lärm der Mähmaschine von nebenan. Früher hat uns dieser ab und zu ein bisschen genervt. Jetzt, in dieser Zeit, in der wir Abstand halten müssen und zuhause bleiben sollen sind wir froh, die Nähe von Mitmenschen zu spüren.

Unsere Agenden haben sich auf eine brutale Art geleert. Viele Sitzungen wurden storniert, verschoben auf bessere Zeiten. Wir sind online aktiv. Alles wird schneller und einfacher geregelt. Wir haben das Gefühl, dass wir auf viele Sitzungen verzichten können. Ein Mail genügt. Und der Schulunterricht wird digital durchgeführt. Super. Schnell sind die Aufgaben gemacht und dann kann man gamen. Aber: es fehlen die Pausen, es fehlen die Kameraden. Es fehlt der Schulhof. Es fehlen echte Kontakte. Auch wenn eine „normale“ Sitzung länger dauert als eine online-Session; sie ist humaner, sie ist geprägt von Menschlichkeit, die kein Internet ersetzen kann.

Das Virus hat vorwiegend Asien, Europa und Nordamerika im Griff. Interessant: die Wirtschaftspole der Welt. Eine Rezession ist gewiss. Alle wollen diese bremsen. «Bleibt zuhause!» und alle Labors suchen nach dem Impfstoff. Eine dauerhafte Rezession soll verhindert werden. Die Schweiz investiert Milliarden. Es werden sicher an die 100 Milliarden notwendig sein. Und dann werden wir alle mithelfen müssen, die Schulden zu begleichen. Das Virus beweist uns, dass unsere Gesellschaften weltweit sehr fragile sind. Wirtschaft, Gesundheitswesen, Kultur und Politik stossen an ihre Grenzen. Das ist für uns alle eine wichtige Feststellung. Wir müssen in Zukunft besser und gezielter investieren; dort, wo es auch dringend notwendig ist. Und wir müssen effizienter die Zukunft der Gesellschaft planen. Was hat Priorität? Mobilität, Nachhaltigkeit, neue Werte: Slogans in einer Krisenzeit.

Die Rolle des Staates wird grösser. Die Regierung beweist es in diesem Notzustand, indem sie klare Massnahmen trifft und auch das Gleichgewicht zwischen Gesundheit und Wirtschaft sucht. Die Bevölkerung hat die Dringlichkeit der Massnahmen erkannt und verhält sich zum grossen Teil sehr verantwortungsvoll. Wenn nun aber die «Normalität» wieder einkehrt, irgendwann einmal, dann werden wir uns fragen müssen, was diese «Normalität» denn eigentlich ist. Kann es sein, dass wir immer mehr und besser produzieren müssen, um kompetitiv zu sein? Ist es notwendig, dass wir Tulpen im November kaufen, Erdbeeren an Weihnachten, Trauben im Januar? Müssen wir regelmässig ein Wochenende im Ausland verbringen und dazu eine Low-Cost-Fluggesellschaft benützen? Müssen wir unbedingt mit dem Flugzeug von A nach B, um 1 Stunde vor dem Zug dort anzukommen? Sollten wir nicht vermehrt in unmittelbarer Nähe Lebensmittel, die wir brauchen, produzieren, anstatt in der Ferne einzukaufen?

Einfache Fragen: die Antworten sind jedoch nicht so einfach. Es braucht ein globales Konzept, das die ganze Welt betrifft. Die Globalisierung zeigt auf, dass wir eben nun nicht mehr allzu global denken sollen und eher bescheiden vor Ort so leben müssen, dass die Natur, die Schöpfung so wenig wie möglich ausgeschöpft wird. Diese Entglobalisierung hat einen Preis. Wenn nun ein Bauer seine Erdbeeren an Weihnachten uns nicht mehr verkaufen kann, dann müssen wir ihm helfen, sich umzuorientieren, damit er weiterhin von seinem Beruf leben kann. Da tragen wir alle weltweit die gleiche Verantwortung, weil wir alle weltweit dazu beigetragen haben, dass die Globalisierung zum Trend des 20. Jahrhunderts wurde. Und da sind alle Politiker weltweit gefordert. Auch bei uns in der Schweiz. Wir sind ein kleines Land. Aber wir können ein Beispiel sein für viele. Kleine Zeichen setzen in einem Land, in welchem vieles möglich ist. Wir können andere Länder gewinnen, um mit ihnen diplomatisch Bündnisse einzugehen, um klare Massnahmen nicht nur vorzuschlagen, sondern auch umzusetzen. Es braucht nur ein paar mutige Menschen. Vor ein paar hundert Jahren waren es nur drei Männer, die den Bund geschworen hatten. Ein Bild, ein Zeugnis - aber was für ein Zeugnis.

Ja, liebe Schweiz, die Welt braucht neue Werte. Nicht morgen, sondern heute. Wir lernen in dieser Krisenzeit bescheidener zu leben. Wir stellen fest, dass es auch so geht. Wir brauchen nicht immer den letzten Trend. Wir kommen mit weniger aus. Wir entdecken aber auch andere Realitäten, die wir fast vergessen hätten. Ein Gruss dem Nachbarn, ein Lächeln im Treppenhaus, ein neues Familienleben und vieles mehr. Das alles sind neue Werte, die uns tief glücklich machen können. Warum sollten wir diese dann wieder vergessen, wenn die «Normalität» zurückkehrt?

Zu diesen Werten gehören auch die spirituellen Werte. Wie viele Menschen besinnen sich neu auf das Innere, das intimste Ich in meiner Seele. Wie viele Menschen suchen nach Antworten, nach spirituellen Antworten. Gott schenkt sie ihnen. Und wir Kirchen müssen ihnen dabei helfen. Wir müssen die Türen unserer sichtbaren und unsichtbaren Kirchen öffnen und alle einladen, aufzutanken im Gebet und in den Sakramenten. Es kann nicht sein, dass man wieder in den Restaurants einkehren, sich aber nicht in die Kirchen zum Gottesdienst einfinden kann. Wir Pfarreien bieten die gleichen hygienischen Massnahmen an wie die Restaurants. Warum dürfen wir dann nicht Gottesdienste feiern? Die Menschen wünschen sich die Eucharistie, sie wünschen sich die Gemeinschaft der Gläubigen. Gerade jetzt, wo die Welt nach Sinn lechzt, nach Gott ruft, müssen wir die Kirchen neu beleben.

Hallo, liebe Schweiz, du hast vieles zu tun. Du kannst aber auch vieles tun, weil du stark bist, weil du immer wieder bewiesen hast, dass die Einheit in der Vielfalt die richtigen Antworten findet.

Hallo, liebe Schweiz, hab keine Angst, steh auf und denke deine Zukunft neu und auch die der entglobalisierten Welt. Du wirst nur wissen, wozu du fähig bist, an dem Tag, an welchem du es auch versuchst.

Ich mache jedenfalls mit!

Nicolas Betticher, Pfarrer
 

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25.05.2020
D. Albisser:
Hallo lieber Herr Pfarrer Betticher, ich habe soeben ihren Artikel gelesen. Ich danke Ihnen für die guten Gedanken, die ich alle unterstreichen kann, herzlich. Auch ich möchte jedenfalls mitmachen!

24.05.2020
Adrienne Schubert-Dizerens: Neue Werte? In Respekt, Bescheidenheit, Dankbarkeit bin ich erzogen worden und versuche, diese alten Werte hochzuhalten, im Alter vielleicht noch bewusster. Globalisierung, überregionale Abhängigkeit, ist als fact heute bewusster. Wenn allerdings die Notwendigkeit von "Systemwechsel" beschworen wird, (nicht von Ihnen, denn es ist schon viel, wenn wir uns bemühen, bewusst in Eigenverantwortung kleine Schritte zu machen, wie Sie schreiben, was ich als universale Ethik verstehe, besonders, wenn geistlich vertieft, wozu für mich auch die Unterstützung von vertrauenswürdigen Hilfsorganisationen gehört, die Staunenswertes leisten), dann denke ich, dass es sehr viel umfassendes Wissen bräuchte, damit Visionen eines "anderen Systems" heisst das einer gerechteren Welt? realisierbar sein könnten. Ein Blick in die Geschichte von Umstürzen nach soziologischen Analysen zeigt das Missbrauchspotenzial von "Systemwechsel". Ich hoffe, dass die Menschen immer einsichtiger werden in ihr Verhalten, halte dagegen nichts von Revolutionen. Ich meine, dass halt auch die Wissens-und Herzens-Bildung zu besserer Einsicht führt, die global noch nicht verwirklicht ist, das sieht man an den vielen Verschwörungstheorien, die geglaubt werden und ein zerstörerisches Misstrauen unter den Menschen verraten, unserer unwürdig als Geschöpfe des liebenden Gottes. 
P.S. Müssen wir eine gewisse Ohnmacht nicht aushalten, die auch unser Herr Jesus Christus aushalten musste? Das heisst ja nicht, dass wir nicht darüber reflektieren sollen, wie jeder guten Willens seinen Beitrag geben kann, in Dankbarkeit für Tora und die Evangelien.

Steiner: Lieber Pfarrer Betticher, herzlich danke ich Ihnen für den schönen aufbauenden und sehr klugen Text. Liebe zum Gott, Bescheidenheit, Demut und das christlichen Leben versuchen zu führen, das brauchen wir am nötigsten. Grüss Gott!

15.05.2020
Madeleine Campana: Ihr Artikel hat mich beeindruckt. Ja, es braucht ein Umdenken, auf vielen Ebenen. Leider befürchte ich, dass dies nach der Krise vergessen sein wird. Wenn man sieht, wie Leute für "Freiheit" jetzt illegal demonstrieren, kann man sich nur an den Kopf greifen. Ich wünschte ihnen, dass sie in Russland, Amerika, Brasilien lebten (nicht ganz christlicher, aber ehrlicher Gedanke!). Leider muss man befürchten, dass die Fallzahlen nach diesen Demos wieder nach oben gehen und alles wieder auf Null zurückgefahren werden müsste. Auch Solches sollte bedenkt werden. Der Schutz des andern, der Respekt ihm gegenüber - für viele kein Thema. Und das gilt für ganz viele Bereiche, die Sie auch angestossen haben. Corona ist schlimm und wird so schnell wohl nicht aus unserm Leben und Alltag schwinden. Ob es allerdings hilft, daraus zu lernen, bezweifle ich. Aber hoffen darf und soll man und das Seine dazutragen! In diesem Sinn danke ich Ihnen bestens für Ihre immer guten Beiträge und wünsche Ihnen ein gutes Wochenende. Bleiben Sie gesund!!
Mit herzlichen Grüssen  

13.05.2020
Marie-louise Juilland: Ich habe Ihre Ausführungen mit grossem Interesse gelesen und hoffe, dass wir bald wieder gemeinsame Gottesdienste feiern können, die einem fehlen. Ich hoffe auch, dass wir uns mit einem bescheideneren Leben zufrieden geben und Äusserlichkeiten und Modetrends weniger gewichtet werden, dafür menschliche Anteilnahme und Achtsamkeit mehr Bedeutung bekommen.
Herzlichen Dank